Backpacking in Indonesien

10 Highlights Indonesien

10 Highlights Indonesien

Indonesien – Das perfekte Land für Backpacking-Einsteiger

Indonesien ist das perfekte Land für Backpacking-Einsteiger, weil trotz der abgetrampelten Pfade tausende individuelle Abenteuer auf dich warten. Die Natur ist so spektakulär, die Menschen so freundlich! Du wirst dich in dieses Land verlieben!

Mein Kumpel Paul und ich waren 2014 für einen Monat in Indonesien Backpacken und ich habe in einem kleinen Block Reisenotizen gekritzelt. Die Geschichten, die ich dir hier erzähle, sind Auszüge aus meinen Notizen, also wundere dich nicht, wenn alles etwas abrupt anfängt und aufhört 🙂

In diesem Mini-Blog möchte ich dir von den zehn Highlights meines Backpacking-Trips erzählen. Dabei ging meine Reiseroute von Yogyakarta über Bromo nach Bali, von dort auf die Gili Inseln, nach Amed und schließlich nach Bukit Lawang auf Sumatra, in den Dschungel und zu Orang-Utans. Unglaublich freundliche Menschen, viele neue internationale Freunde, mystische Tempel, eine atemberaubende Natur und faszinierende Momente haben diese Backpackingreise für mich unvergesslich gemacht!

Highlight Nr. 1: Prambanan

Um 07.00 Uhr morgens schallt das Klingeln meines Weckers durch meine Oropax. Die Schlafbrille hat sich während der Nacht von ihrer Soll-Position gelöst und hängt mir quer durch das Gesicht. Die Klimaanlage in unserem Sechs-Mann-Dorm ist eindeutig zu kalt eingestellt. Langsam erinnere ich mich, wo ich hier gerade aufwache: Indonesien! Yogyakarta! Endlich ein asiatisches Land kennenlernen! Als ich mein Bett verlasse, um zu gucken ob das Bad besetzt ist, merke ich, dass wir mit unserer Weckzeit, entgegen meinen Erwartungen, nicht gerade Frühaufsteher sind. Die anderen Betten sind schon verlassen.

Auf der Dachterrasse, wo man sich ein Frühstück abholen kann, ist ebenfalls Totenstille. Wir setzen uns zu den einzigen zwei Menschen und lassen uns mit Reisetipps versorgen. Das traditionelle indonesische Frühstück stellt sich übrigens als Flop heraus und ich hoffe, dass ich es nie wieder essen werden muss. Auf meinem Teller liegt ein Haufen Reis mit ein paar Erbsen eingemischt. Kalt. Noch schlimmer kann ich es nicht machen, denke ich mir und knall eine ordentliche Ladung Sojasauce oben drauf. Ih. Mag ich nicht – ich esse es trotzdem und es bringt mich auch nicht von meiner guten Laune ab.

Heute geht es mit dem Bus durch die vor Wirrwarr strotzende Stadt Yogyakarta zur größten hinduistischen Tempelanlage in Indonesien: Prambanan. Beim Eingang will mir ein Indonesier ein Sarong umbinden, ein traditionelles Tuch, das um die Hüfte gebunden wird. Ich will mir aber nichts andrehen lassen und weise ihn ab. Aber der kleine Racker lässt nicht locker und sagt „You must!“. Schließlich machen sie mir klar, dass sie mir das Tuch gar nicht verkaufen wollen, sondern dass man die Knie bedeckt haben muss, um die Tempel betreten zu können. Und schon erkunden wir unter gleißender Sonne die Schreine, machen Fotos und ruhen uns im Schatten der Tempel aus. Jetzt weiß ich auch, warum das Hostel schon so früh leer war: Die Sonne knallt senkrecht auf unsere Köpfe nieder. In der Zeit zwischen 12 und 15 Uhr sollte man Anstrengendes möglichst vermeiden und sich am besten in eine Bar setzen um ein kühles Bier zu trinken. Außerdem macht es bei so einer derben Sonneneinstrahlung nicht so viel Spaß zu fotografieren, weil die Schatten zu dunkel werden, oder die hellen Stellen persilweiß.
Die Tempel werden übrigens immer wieder durch Erdbeben zerstört und anschließend wieder aufgebaut. Deswegen sieht man auch überall große Steinhaufen, bei denen sich nur noch erahnen lässt, dass da ein Tempel gestanden haben muss. Lustig sind auch die Knüppelheiligen, die häufig am Eingang der Tempel stehen. Ich schätze mal, sie sollen aufpassen, dass keine schlechten Geister oder ähnliches eintreten können. Die Räume an sich sind sehr klein und es gibt, wenn überhaupt, nur eine Statue zu sehen, von der ein jeder Tourist emsig Fotos schießt (uns will ich da ja gar nicht ausschließen!).

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Wieder zurück in der Stadt, setzen wir uns in ein schönes kleines Restaurant, das vom Lonely Planet empfohlen wird und somit von Touristen belagert ist. Das Essen ist lecker, das Bier erstaunlicherweise auch und die Flaschen sehr groß. In diesem Restaurant kann man auch Cobra bestellen, aber ich entscheide mich das auf ein anderes Mal zu verschieben – es kommen bestimmt noch genug Gelegenheiten (nein, sie kamen nicht).
Apropos  Lonely Planet: Ich habe mir einen Kindle geliehen und da das Buch draufgeladen. Am Ende dieser Reise werde ich zwei Mal versucht haben, darin etwas Nützliches zu finden. Die digitale Version ist einfach zu unübersichtlich und es macht keinen Spaß darin was zu suchen. Außerdem ist nicht mal eben eine Seite mit einem Eselsohr markiert. Das analoge Buch ist mir dann aber doch wieder zu dick, um es herumzuschleppen. Auf meinen nächsten Trips werde ich keine Reiseführer mitnehmen. Die besten Tipps erhält man eh von Einheimischen oder anderen Reisenden und das Internet (vor allem wikitravel) ist voll von aktuellen Informationen.

Von der Rezeption des Hostels erhalten wir dann auch den Tipp, dass es eine Sonnenaufgangstour zu einem anderen Tempel gibt. Deshalb beschließen wir noch heute zu dem Ort in dem der Tempel ist zu fahren und uns dort ein Hotel zu nehmen. Beim Auschecken verrät uns die wirklich hilfsbereite Rezeptionistin, dass die Busse ab 17.00 Uhr nicht mehr zu dem  Ort fahren, wir es aber vielleicht noch schaffen würden, wenn wir uns beeilen. Als wir an der ersten Bushaltestelle (auf Indonesisch „Bushalte“) ankommen, ist es 16.40 Uhr. Der Fahrkartenverkäufer guckt von seinem winzigen Fernseher, auf dem die viel zu verrauschten Bilder einer Telenovela laufen, auf und erzählt, ohne seine Fluppe aus dem Mundwinkel zu nehmen, dass wir zur nächsten Bushaltestelle, an der wir umsteigen müssen, 30 Minuten bräuchten. Somit würden wir um 17.10 Uhr ankommen, aber 17.00 Uhr ist bestimmt nur ein grober Richtwert. Also rein in den Bus. Leider sind alle Plätze belegt und ich kann nicht aufrecht stehen, da der Bus zu niedrig ist. Die Einheimischen sind sehr belustigt. Neben abertausenden brausenden Motorrollern jagt unser Bus durch die Stadt. Nur die unendlich langen Rotphasen können uns aufhalten! Wir hätten es ahnen müssen. Der Minutenzeiger meiner digitalen Uhr schreitet gnadenlos voran. Aus den 30 Minuten werden 50 Minuten Fahrzeit. Um 17.30 Uhr steigen wir also aus dem Bus und werden gleich von Taxifahrern ekelhaft freundlich zu ihren Gefährten gelotst. Die Busse führen seit 16.00 Uhr nicht mehr (soviel dazu, dass 17.00 Uhr nur ein grober Richtwert ist), aber sie würden uns für zwölf Euro in 40 Minuten zu unserem Ziel bringen.  Noch ein bisschen verhandelt, aber wir haben ja keine Wahl. Neun Euro bezahlen wir schließlich für eine Autofahrt mit einem alten Benz, in dem augenscheinlich auch gerne Hunde transportiert werden, durch eine schöne Landschaft und landen schließlich direkt vor dem von uns ausgewählten Hotel. Ich liebe es, aus dem Fenster zu gucken. Der ganze Trubel, die Menschen bei der Arbeit und auf der Straße, lächelnde Gesichter, Vulkane am Horizont. Wunderbar.

Auf der Terrasse des Hotels bestelle ich wieder das gleiche wie bisher (Hähnchen und Reis) und Paul und ich informieren uns noch kurz über die für morgen geplante Tour: Man kann eine Tour mitmachen, bei der man um 04.30 Uhr morgens, 1,5 Stunden vor der offiziellen Öffnungszeit, Zutritt zu der buddhistischen Tempelanlage Borobodur bekommt und so in Ruhe den Sonnenaufgang genießen kann und perfekte Bedingungen für Fotos vorfindet.
Kurz vor dem Insbettgehen unterhalten wir uns noch etwas mit einem österreichischen Pärchen unseres Alters. Sie werde ich nicht zum letzten Mal gesehen haben.

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10 Highlights Indonesien

Um 04.15 Uhr stehen wir mit unserem Hotelbesitzer wie verabredet vor dem Hotel. Es ist schweinekalt. Pünktlich kommen unsere zwei Motorradchauffeure mit einem großen Grinsen an und laden uns auf den Sozius. Das erste Mal, dass ich hier in Indonesien auf ein Zweirad steige und es fühlt sich gut an. Am Ende der Reise werden die Fahrten mit Roller über Bali zu meinen Highlights zählen. Nach fünf Minuten Fahrt kommen wir beim Manohara Hotel an, von wo aus uns der Zutritt zur Tempelanlage gewährt wird.

Wir gehen mit einer Gruppe von ca. 30 Leuten los, der Mond scheint so hell, dass man seine Kopflampe fast nicht braucht. Und da sehe ich ihn, den Tempel Borobodur, wie er sich emporhebt aus der Pflanzenmasse, vor sich hinschlummernd im Mondschein.

Ungefähr im Jahre 800 wurde mit dem Bau des Tempels begonnen. Wie viel Zeit bis zur Fertigstellung verstrich, darüber rätseln die Archäologen noch heute. Zu einem unbekannten Datum wurde die komplette Stätte Opfer eines Vulkanausbruchs und verschwand für fast ein Jahrtausend unter einer dicken Aschedecke, die ein wunderbarer Nährboden für eine dichte Pflanzenwelt war. Der Tempel war vergessen.
Obwohl Sir Thomas Stamford Raffles (übrigens auch der Gründer von Singapur) 1814 den Tempel wiederentdeckte, wurde erst 1973 mit der Ausgrabung und der Restauration begonnen.

Bevor um ca. 05.20 Uhr das erste Sonnenlicht am Horizont erscheinen wird, haben wir noch genug Zeit, die verschiedenen Ebenen des Tempels zu erkunden, nach guten Fotospots Ausschau zu halten und die vom Mondlicht erhellte Landschaft zu genießen. 123 Meter ist der Tempel hoch und bietet somit eine wunderbare Aussicht. Über mehrere Terrassen sind über 500 Buddhastatuen verteilt, wobei die meisten beschädigt sind. Meistens sind die lockigen Köpfe abgefallen. Die Mystik der Szenerie, wenn man es so nennen will, zieht mich in seinen Bann. Die Erbauer haben die Wände mit detailreichen Reliefs versehen, die nicht nur religiöse Geschichten darstellen, sondern auch alltägliche Situationen aus der Zeit des Erbauens.

Als die Sonne aufgeht, werden die Vulkane am Horizont in ein wunderbar warmes Licht gehüllt. Davor erstreckt sich eine Weite, die mit ihrer nebelumwobenen Vegetation eine Stille ausstrahlt, als genieße auch sie den Sonnenaufgang.
An diesem Punkt habe ich Sonnenaufgänge lieben gelernt – das frühe Aufstehen hat sich gelohnt.

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Nach einem kurzen Banana-Pancake Frühstück geht es zwei Stunden lang mit einem klapprigen Klapperbus zurück nach Yogya. Der ÖPNV funktioniert hier wirklich erstaunlich gut. Bei der Bushaltestelle wirst du gefragt, wohin du möchtest und der Busfahrer schmeißt dich dann an besagter Stelle raus. Da fragt dich dann sofort der nächste, wo du hin willst und weist dir den Weg oder den nächsten Bus. Die Menschen sind alle total hilfsbereit. Manchmal zocken die dich ab, aber naja.

Die ersten beiden Tage habe ich auch noch jeden Preis bezahlt, den die haben wollten, weil ich gedacht habe, dass es doch egal ist, ob ich jetzt 15.000 oder 20.000 Rupiah bezahle. Das sind 30 Cent mehr, das kratzt mich nicht. Allerdings möchte ich auch nicht, dass die Leute denken, dass man Touristen einfach so abzocken kann. Um ein Gefühl für die Währung zu bekommen, haben wir uns also beim Frühstück ein Umrechnungssystem überlegt: 8000 Rupiah sind ein Pfannkuchen. Das ist eine super Vergleichsgrundlage: „Was? 40.000 IDR soll das kosten? Dafür krieg ich ja 5 Pfannkuchen!“. Übrigens auch eine super Grundlage zum Verhandeln.

Morgen früh werden wir Yogyakarta mit dem Zug Richtung Osten verlassen. Ein langer Weg steht uns bevor zum Vulkan Bromo.

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10 Highlights Indonesien

Als ich um 02.45 Uhr meinen Kopf aus unserem heruntergekommenen Zimmer strecke, sehen meine noch ganz müden Augen die vier dick Eingepackten, die mit Paul und mir zum Aussichtspunkt wandern wollen. Es ist ganz schön kalt, gestern haben Dorfbewohner sogar noch versucht Pudelmützen zu verkaufen. Aber ich halte das auch ohne aus, denn (man mag es kaum glauben und ich mag es kaum zugeben – bitte nicht lachen!) ich habe eine lange Unterhose angezogen. Und das ist gut so. Ich hatte vor dem Abflug aus Deutschland noch im Internet gelesen, dass auf den Vulkanen Minusgrade erreicht werden können und so ein bisschen Extrastoff macht den Rucksack ja auch nicht dick. Jetzt bin ich auch ganz glücklich, sie anzuhaben, zweifle aber, ob das am Tag nicht etwas zu warm wird. Aber notfalls sage ich den anderen, dass ich eben in den Busch müsse um zu pinkeln und zieh das Ding wieder aus. Die Notlüge wäre nötig gewesen, denn natürlich habe ich den anderen nichts von meinem Geheimnis unten drunter erzählt!

Und so machen wir uns gut gelaunt und erstaunlich fit auf den düsteren Weg, den uns eine von Wikitravel heruntergeladene Karte weist, die mich sehr an selbstgemalte Schatzkarten meiner Kindheit erinnert:

Karte zum Aussichtspunkt auf den Bromo. Zu finden auf wikitravel.

Nach ungefähr 1,5 Stunden Wandern durch die Dunkelheit, die nur unsere Stirnlampen und der Mond durchbrechen, kommen wir bereits recht erschöpft am Viewpoint 1 an. Der Mond scheint so hell, dass man den Vulkan schon erahnen kann. Hier ist ein guter Aussichtspunkt, hier kann man bleiben. Und dazu entscheiden sich die drei Mädels und Paul auch – mich aber packt der Eifer. Ich werde wahrscheinlich nie wieder an diesen Fleck der Erde zurückkommen, da habe ich ja wohl auch noch die Kraft und die Ausdauer das restliche Stück zum Viewpoint 2 zu erklimmen. Glücklicherweise sieht das Marcus genauso und wir gehen los, nicht ahnend was wir uns da eingebrockt haben. Bis hier hin war der Weg noch befestigt, ja sogar geteert und bestuft. Jetzt haben wir einen Pfad erwischt, den wohl normalerweise nur Einheimische nutzen dürften. Aus dem Wandern wurde ein Kraxeln durchs Gebüsch. Der Sand unter den Füßen ist so trocken, dass er unter mir wegrutscht. Meine Kehle wird immer trockener. Es ist saumäßig anstrengend. Obwohl die Temperatur um die 5°C betragen dürfte, schwitze ich mir einen ab. Im Schein meiner Stirnlampe lässt sich erahnen, wie nahe wir am Abgrund entlang laufen. Genauer will ich es aber gar nicht wissen. Und dann wird es immer heller – der Sonnenaufgang steht bevor. Keine Zeit mehr für eine Pause. Weit kann es nicht mehr sein, wir sehen schon ein paar Lichter am Viewpoint 2 aufblitzen. Und dann, total erschöpft, kommen wir an. Wir haben es geschafft, ich bin total fertig. Am Aussichtspunkt sind noch weitere Leute – putzmunter. Ich erfahre, dass man den Punkt auch mit Motorradtaxis erreichen kann. Verdammt. Aber wo bleibt denn da das Abenteuer?

Ich suche mir ein Plätzchen mit guter Aussicht, ziehe den Reisverschluss meiner Jacke zu (es ist noch immer ziemlich kalt), bereite meine Kamera vor, ruhe mich erst einmal aus und trinke meinen letzten Schluck Wasser. Bevor die Sonne aufgeht, sehen wir im Tal eine unglaubliche Anzahl Jeeps, die zum bekanntesten mit Fahrzeugen erreichbaren Aussichtspunkt fahren. Es ist eine Schlange von Lichtern, die sich durch das Aschetal am Fuß des Vulkans schlängelt.

Und da passiert es. Die Sonne geht hinter dem mit Nebel gefülltem Tal auf und erleuchtet die Wolken, als stünden sie in Flammen. Aus den Nebelschwaden erhebt sich die Spitze eines kleinen Vulkans. Sonnenstrahlen fangen an, mein Gesicht zu wärmen. Ich sitze da, staune und genieße.

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Und dann geht das Fotografiere los. Was für eine Szenerie! Diese Vulkane! Dieses warme Licht!
Ich habe vorab des Öfteren gelesen, dass die Landschaft wie auf dem Mond aussehen soll. Und sie tut es. Vom Dorf aus geht eine steile Klippe ab und ab da beginnt die unwirkliche Landschaft. Aus einer Aschewüste steigt der inaktive Batok wie ein überdimensionaler Ameisenhügel 2470 Meter in die Höhe. Links neben ihm der rauchende Bromo (2329m) und im Hintergrund der höchste Berg Javas: Semeru (3676m). Im März 2011 war der letzte Ausbruch des Bromo und die Videos bei YouTube geben nur einen Eindruck, wie spektakulär es sein muss. Was würde ich gerne mal einen Vulkanausbruch miterleben!

Als die Sonne schon recht hoch steht und die meisten Leute auf den bequemen Motorrädern schon wieder den Berg runterrollen, beginnen auch Marcus und ich mit dem staubigen Abstieg. Jetzt im Hellen sehe ich erst, wie nah wir wirklich am Abgrund entlang gelaufen sind und kann kaum glauben, welche Hürden wir teilweise genommen haben. Ich war wohl noch im Halbschlaf, oder so auf das Ziel konzentriert, dass ich den Weg nicht mehr sonderlich wahrgenommen habe.

Als wir die anderen erreichen, bietet eine kleine Schrumpeloma Wasserflaschen zum Verkauf an. Glücklich drücke ich ihr das Geld in die Hand und nehme mir eine Flasche. Nachdem wir schon 10 Minuten auf dem weiteren Weg waren, öffne ich die Flasche, nehme einen Schluck und spucke es sofort wieder aus. Flusswasser. Da merke ich auch, dass es gar kein so vertrautes „Knack“ beim Öffnen der Flasche gegeben hat. Diese Alte hat es mal wieder geschafft, mich abzuzocken. Man man man.

Inzwischen sind wir im Dorf angekommen, befreien uns kurz von unseren durchstaubten Klamotten, schlüpfen in neue und gehen in das nächstbeste Restaurant um reichlich zu frühstücken. Wir haben sogar ein Buffet erwischt und ich schlage meinen Bauch mit gebratenen Nudeln voll. Ja, zum Frühstück, aber sie schmecken einfach so gut!
Ich möchte unbedingt noch zum Krater des Bromos fahren, was bei den anderen aber keine allzu große Begeisterung auslöst. Zu groß ist die Erschöpfung. Paul möchte gerne mit den anderen weiterfahren und noch heute nach Bali übersetzen. Aber wir sind doch nur einmal im Leben hier! Und wann hat man denn schon die Chance auf den Rand eines Vulkankraters zu klettern und in ihn hinab zu blicken? Aber die Motivation der anderen bleibt auf dem Tiefpunkt.
Soll ich mich nur wegen dieser einen Sehenswürdigkeit querstellen und mich von der Gruppe lösen? Ich entscheide mich dagegen, man muss auch mal Kompromisse eingehen. Später werde ich mich darüber immer wieder ein bisschen ärgern können. Ich hätte es einfach alleine durchziehen und die anderen später wiedertreffen sollen. Aber naja, ändern kann man es jetzt eh nicht mehr und ich bin mir sicher, nicht das letzte Mal zu einem Vulkan gereist zu sein.

Also packen wir um ca. 10.00 Uhr unsere Sachen, steigen in einen wiederum völlig überfüllten Minibus, in dem mir wiederum ein Holzhocker unter den Po geschoben wird und fahren zurück nach Probolinggo. Ich scheine sehr erschöpft zu sein, denn selbst auf dem unbequemen Platz schlafe ich ein, obwohl ich mich überhaupt nicht müde fühle.

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10 Highlights Indonesien

Nach dem morgendlichen Besuch des Affenwalds Ubuds (den ich auch nur empfehlen kann) wollen wir uns Roller leihen, um die Reisterrassen der Umgebung zu erkunden. Auf der Suche nach einem Rollerverleih fällt mir auf, dass viele Indonesier nicht nur ein Geschäft haben, sondern meist in mindestens zwei Gebieten unterwegs sind. So wird der Körper im Restaurant, in dem wir gestern waren, nicht nur mit leckeren Speisen gefüllt, sondern auf Wunsch im ersten Geschoss anschließend auch noch durchgeknetet . Oder der Laden gegenüber von unserem Hotel hat hauptsächlich Souvenirs, bietet aber zusätzlich nicht nur kleine Ausflüge an, sondern auch noch einen Waschservice. Aber es wäre auch egal, in welchem Geschäft man fragt, ob die wissen, wo man Roller mieten kann. Man ist nämlich immer im richtigen Laden, denn es läuft immer nach dem gleichen Prinzip ab, wie wir es erlebt haben: Wir fragen nach drei Rollern (Paul und ich jeweils einen und Denise und Marcus zusammen einen), die indonesische Verkäufern nimmt sofort ihr Handy in die Hand und ruft eine Nummer nach deren anderen an, immer mit einem sehr kurzen Wortwechsel. Meine Theorie ist, dass sie alle ihre Verwandten und Freunde anruft und fragt, ob sie ihre motorisierten Zweiräder heute bräuchten und nicht etwas Geld verdienen wollten. Denn innerhalb der nächsten zehn Minuten kommt ein Roller nach dem anderen eingetrudelt. So ist es bei uns jedes Mal vonstatten gegangen. Als die drei Roller vor uns stehen, legt uns die Vermieterin einen kleinen gelben Zettel zur Unterschrift vor die Nase. Wir sprechen sie, weil es unsere erste Fahrzeuganmietung in Indonesien ist, auf die Rahmenbedinungen an (und ich komme mir in diesem Moment sehr sehr Deutsch vor): „Wie sieht es denn mit der Versicherung aus?“ – „Pusteblume – gibt es nicht, braucht ihr nicht.“; „Helm?“ – „Hier, dieses Prachtexemplar passt doch wohl. Ist erst mindestens 20 Jahre alt, dafür aber aus Plastik.“; „Der Roller hat keine Macken und fährt einwandfrei?“ – „Fährt.“. Ok ok, wieder was dazu gelernt. Du guckst dir den Roller an und nimmst ihn oder du nimmst ihn nicht. Fertig. Keine weiteren Fragen, nur eine Unterschrift. Naja, wie sich später herausstellt, sollte man eine Frage unbedingt stellen: Wo sind die Fahrzeugpapiere?

So standen wir hoch gespannt jeweils einen Schlüssel in der Hand haltend vor unseren drei Rollern. Links stehen zwei typische 90er Plastikbomber; rechts ein relativ neues Hondageschoss, Typ „Scoopy“, mit eleganter rot-beiger Lackierung, die hervorragend zum Retro-Chopper-Stil passt.
Welch ein Glück! Ich habe den richtigen Schlüssel! Freudestrahlend setze ich mich auf die Sitzbank, spüre, wie Scoopy sanft mein Popöchen berührt. Verschmitzt stecke ich meinen Schlüssel in sein Schlüsselloch und er schnurrt wie ein Kätzchen.
Und dann gebe ich Gas. Denise und Marcus auf dem einen, Paul auf dem zweiten Roller brausen neben mir her, wir schlängeln uns durch den dichten Verkehr von Ubud gen Norden. Dieses Durchquetschen durch die engen Lücken des stockenden Verkehrs ist einfach nur genial! Einfach den Indonesiern auf ihren Moppeds hinter her, manchmal über den Gehweg zwängend, manchmal ganz schön knapp am Lack des nächsten Autos entlang. Es macht unheimlich Spaß und bringt so manchen Kick. Schaff ich das da durch die Lücke? Ach, einfach versuchen! Wenn es nicht klappt, kann man immernoch zurück. Und so geht es durch ganz Ubud. Selbst bis zu den berühmten Reisterrassen in Tegalalang ist kaum an schnelles Fahren zu denken, die Straßen sind einfach zu dicht. Als wir schließlich ankommen, wissen wir auch warum: Es ist ein typisches Touristenziel für Tagestouren. Etliche Busse halten einfach mitten auf der  Straße, um die Scharen von Menschen ein- und aussteigen zu lassen. Wir quetschen unsere Roller zwischen die Müllcontainer, der einzige Abstellplatz, der noch frei ist und überqueren die Straße zu den Reisterrassen.

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Moment mal. Das sind die berühmten Reisterassen? Das Grün erscheint mir etwas fahl, die Felder etwas licht, die Gräben etwas schmutzig. Ich würde es weniger, wie ich es mir natürlich erhofft habe, mit einem „Oooohhhh“, als vielmehr mit einem „Jo“ beschreiben. Vielleicht sind wir auch einfach zur falschen Jahreszeit da, denke ich mir. Also spazieren wir noch etwas über die Stufen, als wir von einem indonesischen Opa mit Reispflückermontur gefragt werden, ob wir ihn fotografieren wollten. Kaum hat Paul das Foto geschossen, geht natürlich das indonesische Seniorenhändchen auf und das schrumpelige Mündchen fordert „Twenty Thousand!“. Wieder einmal diese „Verkaufs“taktik, die uns nicht das letzte Mal begegnet. Erstmal etwas mit einem großen Lächeln in die Hand drücken und dann das große Geld einfordern.

Wir entscheiden uns, dass es das noch nicht gewesen sein kann mit den Reisterrassen, irgendwo müssen wir doch noch mehr und vor allem nicht so überlaufene finden können! Also fahren wir weiter gen Norden. Endlich haben wir mehr Platz auf der Straße, man kann mal ordentlich auf die Tube treten. Allerdings bin ich eher ein Fan von gemütlichem Dahincruisen, statt von schnellem Vorankommen, schließlich möchte ich noch nebenher die Umgebung und den warmen Fahrtwind genießen.
So fahren wir über Serpentinen und langgezogene Geraden durch einige Dörfer und vorbei an schönen Reisfeldern. Reisterrassen finden wir leider keine weiteren. Aber das Fahren an sich macht schon Spaß, nachdem man sich nach einer kurzen Eingewöhnungsphase schnell an die sieben goldenen Regeln des indonesischen Verkehrs gewöhnt hat:

1. Linksverkehr.
Ja, es herrscht Linksverkehr in Indonesien. Ich kann mir vorstellen, dass es mit dem Auto eine größere Umgewöhnung ist, als mit dem Roller. Von uns hatte auf jeden Fall keiner Probleme sich schnell umzugewöhnen. Klar, mal ist man beim Losfahren ein paar Sekunden auf der falschen Straßenseite, weil man es einfach vergessen hat. Aber Spätestens wenn einem ein Auto entgegen kommt, erinnert man sich wieder.

2. Je größer, desto mehr Vorfahrt.
Es ist wie beim Wrestling. Wenn ein dicker Jabba-The-Hutt-ähnlicher Wrestler losgallopiert, weicht ein kleiner, flinker, wendiger Rey Mysterio ganz schnell aus. Wenn aber beide bei einem Konzert ganz hinten stehen, wer wird dann wohl als erster ganz vorne sein? Im „wahren Leben“ würde ich mich zugegebenermaßen eher der Kategorie „Groß und plump“ zuordnen (natürlich  nicht jabba-plump!), aber hier liebe ich es, mal der Flinke zu sein.

3. Wenn Platz da ist, wird er genutzt.
Wie bereits erwähnt schlängelt man sich als kleines Gefährt durch jede erdenkliche Lücke. Wenn die Fahrbahn stadteinwärts zweispurig ist, auf der einen Fahrspur der Gegenrichtung aber genug Platz, wird stadtauswärts einfach die Fläche der Gegenfahrbahn mitgenutzt. Was die Polizei dazu sagen würde, interessiert niemanden. Aber die würde es wahrscheinlich auch einfach als logisch erachten. Ist es auf den ersten Blick auch irgendwie, verbessert aber in keinster Weise den Verkehrsfluss.

4. Hupen hilft gesehen zu werden.
Hupen heißt „Hallo, hier ist einer!“. Ich habe mich so dermaßen an das ständige Gehupe gewöhnt und halte es in Indonesien auch für  äußerst sinnvoll. Den Seitenblick gibt es hier nicht und deswegen wird jedes Mal gehupt, wenn man überholen möchte. So weiß der Überholte sofort, dass es nicht so gut wäre auszuscheren (außer natürlich, er ist Jabba-the-LKW). Außerdem macht das Hupen einfach Spaß. Vielleicht, weil man es bei uns einfach so selten macht. Miep Miep.
Wenn ich nach Deutschland zurückkehre, werde ich bei meinem ersten  Überholmaneuver Hupen was das Zeug hält. Bis ich, einen bösen Blick kassierend, realisiert haben werde, was ich getan habe!

5. Überholvorgänge wurden fürs Abbrechen erfunden.
Hach, wie oft starten die Indonesier erstmal den Überholvorgang und merken dann mitten drin, dass es nicht hinhauen wird. Aber macht ja nichts, entweder gehen sie dann voll in die Eisen und ordnen sich wieder ein, oder die anderen müssen ausweichen, wenn genug Platz da ist. Weniger spektakulär ist das natürlich bei Rollerfahrern. Da kannst du die Überholung fast immer durchziehen, wenn du wagemutig bist. Aber bei unseren Busfahrten wurde mir doch manchmal angst und bange.

6. Rote Ampeln sind nur  Vorfahrt-Achten-Schilder.
Wie in so vielen Ländern, heißt „Rot“ noch lange nicht „Stopp“. In der Hauptverkehrszeit packt man sich an den Kopf, wenn sich ein paar lebensmüde Fahrer über die rote Ampel wagen und sich quer zur Flussrichtung durchkämpfen. Morgens um fünf Uhr, wenn noch überhaupt nichts los ist auf den Straßen, sieht es in meinen Augen schon wieder anders aus. Da macht es doch nur Sinn, rüberzufahren. Ich kam mir in Deutschland so manches Mal blöd vor, vor einer ewig roten Ampel zu warten, obwohl nichts und niemand kam. Wenigstens scheint das dank Induktionsschleifen immer mehr der Vergangenheit anzugehören.

7. Es passt noch immer jemand drauf/rein.
Ein Fahrzeug ist nicht voll. Wenn es voll ist, wird das Gepäck auf das Dach gespannt, dann passen noch ein paar Personen in den Wagen. Wenn es dann voll ist, wird, wie beim Bromo, noch ein Holzhocker hinzugestellt. Irgendwie passt noch immer einer rein. Genauso ist es mit den Zweirädern. Den Rekord, den ich auf einem Moped gesehen habe, waren vier Personen. Wobei man natürlich auch beachten muss: Es sind nicht vier Timos, sondern vier Spargeltarzane oder Spargeljanes.

8. Kaputt ist es erst, wenn es nicht mehr fährt.
Auspuff nicht mehr vorhanden, Blinker ab, Licht kaputt, Seitenschürze weg. Alles kein Problem, es fährt ja noch. Man hat erst ein Problem, wenn man einen Platten hat oder das ganze Fahrzeug streikt. Besonders oft sieht man übrigens Roller ohne Verkleidung. Und jetzt weiß ich auch, warum die Dinger „Plastikbomber“ genannt werden. Ohne Plastik ist ja nur noch ein Fahrradähnliches Gestänge plus Motor übrig. Sieht recht witzig, aber auch recht armselig aus.

Nach einigen Kilometern erfolglosen Reisterrassensuchens kommt Denise auf die Idee, dass wir zu einem Elefantenpark namens „Taro“ fahren könnten, der in der Nähe ist. Als wir ankommen, erfahren wir schnell, dass der Eintritt und nur der Eintritt unglaubliche 300.000IDR (18€) kosten soll und fahren genauso schnell wieder weg.  Macht aber nichts, der Weg dorthin war immerhin schön.
Und so machen wir uns ohne Auffinden einer einzigen weiteren Reisterrasse wieder auf den Rückweg.

Wieder Richtung Ubud fahrend, halten wir an einer der vielen reichlich ausgeschilderten „Organic Farms“ an, um Souvenirs zu kaufen. Kaum treten wir durch das Haupttor, empfängt uns ein Indonesier unseren Alters und fängt an uns durch den großen Garten zu führen. Ohne irgendwelche Informationen herauszurücken, was uns überhaupt erwartet, ob es etwas kosten soll oder wie lange es dauern würde, fängt der Junge einfach an. Ahnungslos stapfen wir erst einmal hinterher, merken dann aber recht schnell, was hier passiert und – naja, so teuer kann es ja nicht werden! – machen wir den Spaß einfach mal mit. Und es war tatsächlich sehr interessant. Von so vielen Pflanzen weiß man gar nicht, wie sie wo wachsen. Ich als Dorfkind hatte ja genug mit allen möglichen Arten von Nutztieren und –pflanzen zu tun und weiß immerhin, wie typisch deutsche Nahrungsmittel (auf-) wachsen. Bei Ananas, Zimt, Vanille, Ingwer und Konsorten hört mein Horizont allerdings auf. Es ist wunderbar, die verschiedenen Gerüche in sich aufzusaugen und verschiedene Sachen zu probieren. So frisch ist alles viel intensiver.
Schließlich führt uns unser Guide an kleinen Käfigen vorbei zu einer Kaffeerösterei. „Kaffeerösterei“ heißt, eine Frau wäscht Kaffeebohnen, röstet sie in einer großen Pfanne über offenem Feuer und stampft sie in einem Mörser zu Pulver. Unser Guide deutet auf eine geflochtene Schale, in die dreckige Kaffeebohnen gefüllt sind und erklärt uns worum es sich handelt: Luwakkaffee!
Luwak ist diese Katzenart, die eher wie Wiesel aussehen, die Kaffeebohnen mit Schale komplett essen, aber nur die Schale verdauen können und so nur die reinen Bohnen (natürlich mit anhaftendem Kacka) wieder ausscheiden. Eine Köstlichkeit vorm Herrn, wenn man den Kaffeespezialisten glauben darf.
Als wir am Ende des Gartens ankommen, werden wir zu Tisch gebeten und uns werden neun Probiergläschen mit verschiedenen Kaffee- und Teesorten serviert. Ich mag Kaffee leider nicht, da ändert auch der Luwackkaffee nichts dran. Aber die verschiedenen Tees und vor allem der Ingwertee schmecken hervorragend und sehr intensiv.
Und jetzt kommt der Clou! Wir müssen nichts für die kleine Führung bezahlen, werden aber fröhlich lächelnd zum Verkaufsstand geführt. Das stört aber auch wirklich rein gar nicht, denn den Ingwertee muss ich unbedingt haben. Die anderen decken sich mit vorher gekosteten Kaffeesorten ein.
Ein toller Zufall, in den wir da geraten sind! Es lohnt sich wirklich in so einer Öko-Farm mal vorbei zu gucken. Als wir wieder auf unsere Roller steigen, schieße ich mit unserem Farmführer noch eben ein kleines Selfie (und nehme mir hiermit vor, das auf Reisen öfter zu machen, weil es eigentlich ganz witzig ist). Und da macht er uns auf Denise‘ und Marcus‘ Vorderreifen aufmerksam. Platt. Na toll.

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Nach einem kurzen Stopp in einer “Werkstatt”, in der der Reifen kurzerhand mit einem heißen Eisen zugeschmelzt wurde, geht das Verkehrschaos in Ubud wieder los und Denise und ich (sie fährt vorsichtshalber jetzt bei mir mit) verlieren Marcus und Paul in dem Wirrwarr. Aber egal, wir finden wohl alleine zurück zum Hotel. Wir schlängeln uns also durch die Masse lackierten Blechs, die komplett zum Erliegen gekommen ist. Was ist da denn los? Irgendwann ist auch für uns kein Weiterkommen mehr. Eine große Menschenmasse hat sich auf der Straße versammelt, alle tragen das balinesische Traditionsgewand. Weiter vorne erblicken wir eine große Sänfte, getragen von mehreren Männern. Das Holzgestell auf den Schultern tragend rennen sie im Kreis und jubeln dabei aus voller Kehle. Die ganze Meute ruft und krakehlt. Es sieht wie ein freudiges Fest aus, bei dem ich am liebsten mitmachen würde. Immer wieder wird die Sänfte im Kreis gedreht, immer wieder gejubelt!

Es muss eine Hochzeit sein! Das Brautpaar wird hochleben gelassen und gefeiert! Ich werde immer neugieriger und frage einen Balinesen: „Is it a wedding?“
Freudestrahlend antwortet er: „No. Funeral.“

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10 Highlights Indonesien

Als ich auf einem Schild vor einer Tauchschule “Tauche 20 Meter tief! Ohne Sauerstoffflasche! In 2 Tagen!”, wusste ich: Ich muss es versuchen! Und schwups, war ich angmeldet!

Zwei Tage später komme ich morgens pünktlich bei der Tauchschule an und lerne die zweite Kursteilnehmerin kennen (ja, wir sind nur zu zweit!). Sie ist Scubadiving-Lehrerin (das mit den Flaschen) und schon seit etlichen Jahren auf der Insel. Sie ist also mit dem Tauchen bestens vertraut. Nach einem kurzen Einführungsvideo, in dem unsere Vorfreude mit spektakulären Bildern noch weiter gesteigert wird, holt uns unser kleiner spargeldürrer schwedischer Tauchlehrer ab und führt uns in einen ruhiggelegenen, schönen Yogapavillon. Nach ein paar Atemübungen und ein, zwei Witzen über meinen lustig geformten Sonnenbrand auf meinem Bauch, probieren wir auch schon aus, die Luft so lange wie möglich anzuhalten. Ich lege mich also auf meine weiche Yogamatte, entspanne mich, und fange mit der Prozedur an: Ich atme so tief wie möglich ein und langsam wieder aus – und das drei mal. Beim vierten Einatmen fülle ich erst meinen Bauch und dann meinen Brustkorb so  sehr mit Luft, dass mein ganzer Oberkörper unter Spannung steht. Ich schließe meine Augen und halte die Luft an.

Schon nach 20 Sekunden fängt mein Kopf heftig an zu arbeiten: „Was machst du da?! Du musst Luft holen!“ Ich merke, wie ich verkrampfe. Anscheinend bekommt auch mein Tauchlehrer meine Unruhe mit, denn er fängt mit ruhigem Schwedenakzent auf mich einzureden: „Entspanne dich, mach dich locker. Du hast noch Luft für weitere fünf Minuten.“ Ich schaffe es erstaunlich schnell, meine Muskeln wieder zu lockern und merke, wie gut es tut, wie ich neue Kraft schöpfe. Eine Minute und 20 Sekunden sind vergangen und als wüsste mein Tauchlehrer wann was in meinem Körper passiert, kommentiert er mit seiner beruhigenden Stimme: „Deine Brust wird jetzt warm, das ist völlig normal. Ganz ruhig, dein Blut ist noch voller Sauerstoff. Du hast noch Zeit.“ Immer wieder kommt kurz Panik in mir auf, mein Kopf schreit: „Luft! Luft! Atme bitte! Atme!“ Die ruhige Stimme dringt in meinen Kopf und legt sich wie eine dicke flauschige Decke dämpfend über meine Gedanken. Immer wieder schaffe ich es, mich zu beruhigen. 2 Minuten. Unerwartet fängt mein Bauch heftig an zu verkrampfen, immer und immer wieder, wie im halben Takt meines Herzens, als würde er versuchen durch jede Pore meines Körpers Luft einzusaugen. „Jetzt fängt dein Körper an zu rebellieren, dein Bauch verkrampft, dein ganzer Körper schreit nach Luft, aber du hast noch genug Sauerstoff in deinem Körper für weitere Minuten! Jetzt musst du kämpfen! Halte durch! Du schaffst noch viel mehr! Du weißt es besser als dein Körper! Versuch an was Schönes zu denken! Denk an deine Freundin, wie ihr zusammen am Strand sitzt!“ Ich verkrampfe am ganzen Körper, kneife meine Augen zusammen! Es hilft alles nichts mehr, der Drang zu Atmen wird zu groß! Ich brauche Luft! Meine Augen und mein Mund sprengen auf – ich atme hastig und tief ein. Luft! „Nicht die Atemübung vergessen, sonst kriegst du Gesichtsspastiken!“ Ich erinnere mich, presse Blut in meinen Kopf. Und bin überglücklich. Freudestrahlend guckt mir mein Tauchlehrer ins Gesicht: „Wow! 2:30 Minuten! Sehr gut! Hättest du gedacht, dass du so lange ohne Luft durchhältst?“. Erschöpft liege ich da. Ich will ins Meer! Tief ins dunkle Blau tauchen!

Nach ein bisschen Theorie und Flossentraining im Pool fahren wir nachmittags mit einem typisch indonesischen Holzboot weit hinaus aufs Meer. Ich bin überrascht, dass wir schon am ersten Tag unser Können im offenen Wasser ausprobieren können. Als der Motor endlich leiser wird, ist die Insel schon recht weit entfernt und die blauen Weiten liegen ruhig vor uns. Wie tief das Wasser hier wohl ist? Unser Tauchlehrer wirft mit einem lockeren Schwung die Boje heraus. An ihr ist ein Seil mit einem Gewicht befestigt, sodass es schnurgerade 20 Meter in die Tiefe hängt. Das Gewicht ist kaum noch zu sehen und da sollen wir nach dem dritten Tag hinuntertauchen? Ich lasse meiner Skepsis verbal freien Lauf, aber unser Tauchlehrer beruhigt mich: „Ihr habt es heute Morgen doch geschafft, die Luft länger als zwei Minuten anzuhalten. Für die 20 Meter braucht ihr nicht einmal eine Minute!“ Beindruckend entspannt taucht er bis zur Ende der Leine, um zu demonstrieren, dass es nicht so schwer ist. Die Szenerie strahlt so eine Ruhe aus, wie er ohne jegliche Eile herunter in die Tiefe gleitet, beim Ende des Taus kurz verweilt und genauso ruhig wieder zur Oberfläche emportaucht. Beruhigt und beeindruckt bin ich mir sicher: Das schaffe ich auch.

Wir beginnen jedoch zunächst langsam mit der 5-Meter-Makierung, zu der wir uns am Seil herunterziehen und ganz entspannt verweilen und uns umgucken sollen. Ich schaffe es zwar herunter, kann aber recht schnell an nichts anderes mehr denken, als an frische Luft und tauche wieder auf. „Gut gemacht! Du schaffst aber locker noch mehr! Denk daran, dass du heute Morgen 2:30 Minuten geschafft hast! Gerade warst du ungefähr 20 Sekunden unter Wasser.“ 20 Sekunden nur? Mir kam es wie eine Ewigkeit vor! Das kann ich besser.

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Um den Tauchkurs zu bestehen und somit den Tauchschein ausgehändigt bekommen zu können, muss man am dritten Tag des Kurses eine Rettung aus 10 Metern Tiefe durchführen. Ich dachte, ich sterbe. Als ich meinem Tauchlehrer das Zeichen gebe, dass es losgehen kann, taucht er bis zur 10-Meter-Marke. Ich sehe, wie sein kompletter Körper erschlafft – er stellt sich ohnmächtig. Meine Aufgabe ist es, ihn aus der Tiefe zu retten. Ich pumpe so viel Luft wie möglich in meine Lunge und tauche zu ihm, lege meine Hände um seinen Kiefer und hieve ihn mit kräftigen Beinschlägen der Oberfläche entgegen. Mein Gott, ist das anstrengend! Noch 6 Meter bis zur Oberfläche – das schaffe ich niemals! Noch 4 Meter bis zu Oberfläche – lass einfach los, entweder stirbt er oder ihr sterbt beide! Noch 2 Meter – scheiß auf den Tauchschein und lass ihn einfach ertrinken! Und dann durchstößt mein Kopf die Wasseroberfläche. Ich halte seinen Kopf mit meinen letzten Kräften über Wasser, und merke, dass wir 5 Meter neben der Boje aufgekommen sind. Unglaublich erschöpft kämpfe ich damit, die Boje zu erreichen. Geschafft! Ich hieve den kleinen Schwedenkopf auf die Boje, stabilisiere ihn und schon „erwacht“ mein Tauchlehrer wieder zum Leben, grinst mich mit einem großen Lächeln an und gratuliert mir zum bestandenen Tauchschein! Doch noch übertrumpft meine Erschöpfung die Freude.

Am Ende des dritten Tages und somit des Kurses habe ich es bis zur 15-Meter-Marke geschafft. In dieser Tiefe ist der Druck auf den Körper mehr als doppelt so hoch, wie an Land. Ich zwinge mich, in der Tiefe zu verharren und die Aussicht zu genießen. Es ist nichts zu sehen, außer ein unendlich tiefes Blau. Kurz kann ich die menschenfeindlichen Umgebungsbedingungen vergessen – ich fühle mich wohl, ja fast geborgen. Ein ziemlich abgefahrenes Gefühl. Doch mein Instinkt reißt mich zurück in die Realität und schreit nach Luft.

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10 Highlights Indonesien

10 Highlights Indonesien

Das Homestay Black Sand ist übrigens während der Tage des Apnoekurses weiterhin mein Schlafplatz geblieben. Der Besitzer dieses Homestays hatte sich anfangs auf Englisch vorgestellt: „Welcome! Ich bin der Besitzer und ihr dürft mich Black nennen. Wegen der Hautfarbe, versteht ihr?“. Er und seine Jungs, die das Homestay in Schuss halten, liegen die meiste Zeit unter einem Vordach auf großen Teppichen, gucken Filme und singen zusammen. Seltenst habe ich sie arbeiten sehen und doch war immer alles picobello sauber und schön!

Als ich am zweiten Tag des Tauchkurses abends lesend auf meiner Terrasse sitze und gar nicht merke, dass ich schlaftrunken die Worte nur noch lese und gar nicht mehr verarbeite, reißt Black mich zurück in die Wachheit: „Timo! Wir grillen gerade! Komm her, iss mit uns!“ Außerdem ruft er noch drei andere junge deutsche Gäste dazu und präsentiert stolz seinen selbstgebauten Grill: „Unser Dorf hat für eine Hochzeit morgen eine Kuh geschlachtet! Ich konnte das Herz ergattern! Nehmt euch so lange noch etwas da ist!“ Schock und Ekel kriecht in die Gesichter der drei 18-jährigen Deutschen: „Ihhhh! Das sieht ja ekelhaft aus! Das will ich nicht essen!“. War ich mit 18 auch so?! Ich weiß es nicht mehr und will es auch nicht wissen. Ich glaube, Black hat gesehen, wie ich mich für sie schäme, denn er reicht mir einen Spieß. Ich gebe ja zu, ich bin auch nicht gerade begeistert vom Kuhherzen und schmackhaft sieht weder der Grill, noch der Spieß aus, aber ich freue mich, dass die Jungs so großzügig mit uns teilen möchten und nehme den schon recht knusprig-dunkel gegrillten Spieß mit einem dicken Lächeln an. Black war nicht beleidigt oder böse wegen der anderen, die immer noch ablehnten, wahrscheinlich kennt er die Westler dafür zu gut. Das Herz hat übrigens tatsächlich nicht gerade gut geschmeckt und auch der Schnaps aus der Riesenplastikflasche, an dem ich dann aber wirklich nur aus Höflichkeit genippt habe, war nicht meins. Aber ich fand es einfach großartig, in der Gesellschaft von Black und seinen Jungs zu grillen und mit ihnen zu quatschen.

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Als das letzte Stück Herz vom Grill genommen wird, lädt Black mich ein mitzukommen, er wolle mir was zeigen. Im Nachbarhof findet gerade die Vorbereitung zur Hochzeit statt. Die Männer sitzen im Kreis, machen mit einem Cajon und einer Gitarre Musik und singen unglaublich schlecht, dafür aber mit selbstbewusster Inbrunst. Als die Vorbereitungen für das Essen beendet sind, setzen sich auch die Frauen dazu und singen ebenso mit viel Spaß und wenig Talent. Nebenbei schmücken wir den Thron für das Hochzeitspaar mit Blumen und machen ein paar Fotos. Wunderbar, wie offen und gastfreundlich die Indonesier sind! Als ich mich verabschiede, um mich schlafen zu legen, lädt Black mich zur Hochzeit ein, die ein Tag später nachmittags stattfinden soll. Ein letztes Mal an diesem Tag schafft Black es, mir ein riesiges Lächeln auf die Lippen zu zaubern und ich lege mich freudestrahlend und todmüde ins Bett.

Leider habe ich am nächsten Tag aufgrund des Tauchkurses die Hochzeit gerade so verpasst. Als ich zurück zu meiner Hütte komme, ruft Black mich und holt ein Stück Kuchen aus seinem Kühlschrank – er hat mir ein Stück vom Hochzeitskuchen aufgehoben. Was für ein toller Mensch!

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10 Highlights Indonesien

Früh morgens schwingen Paul und ich uns auf gemietete Roller und düsen los. Die Umgebung von Amed ist auf den ersten Blick wunderschön und will somit erkundet werden! Wie erwartet: Ich liebe Rollerfahren auf Bali noch immer! Auch im Norden Balis grinsen die Menschen zurück, die Kinder winken einem „Hello Mister!“ und die Natur ist ganz wunderbar. Wir fahren vorbei an Reisfeldern, über denen Drachen schweben und die von alten zahnlosen Opas bestellt werden – vorbei an Balinesen, die frischgeernteten Reis auf der Straße zum Trocknen ausbreiten. Die traditionelle balinesische Tracht zu tragen ist hier noch völlig normal und es tun die meisten. Für mich macht dies einen großen Teil der ganz besonderen Aura Balis aus. Immer wieder biegen wir von den Hauptverkehrsstraßen ab, um verloren zu gehen und kleinste Matschstraßen zu erkunden, die ins Nichts führen. Ich fühle mich wie ein Abenteurer, wie ein Entdecker!

Als wir auf einer langen Geraden durch ein Tal brausen, sehe ich schon von weitem eine Polizeikontrolle. Nicht schon wieder! Wenigstens habe ich aus dem letzten Mal gelernt und kontrolliere jetzt immer vor dem Start, wo die Papiere sind. Ein dicker Polizist hält uns mit einem dicken Lächeln, das ich leider nicht erwidern kann, an: „Hello Mister, driver license, please!“ Wir händigen ihm die grünen Wischs aus, er wirft mit zufriedener Miene einen kurzen Blick drüber und sagt: „Thank you. Have a nice trip!“. Wie? Das war’s? Der will uns nicht in die Mangel nehmen? Und dann öffnet er doch noch einmal den vom Doppelkinn untersetzten Mund und ich ahne Schlimmes. „Where do you want to go? Can I help you?“ Ich bin entzückt – es gibt sie doch, die Hilfsbereiten und Ehrlichen unter den Polizisten.

Mit diesem guten Eindruck geht es weiter bergauf zum höchsten Vulkan Balis, um dessen Gipfel eine schwere Wolkendecke hängt. Langsam wird es steiler und die Roller müssen so richtig arbeiten, sind aber trotzdem noch erstaunlich flink auf den Reifen. Auf den Straßen präsentiert sich das alltägliche Leben. Alle paar Kilometer ein kleiner Tempel, viele spielende Kinder auf den Straßen, arbeitende Menschen, kleine vor sich hin brennende Müllhäufchen… und eine riesige Blutlache. Ungläubig lasse ich das Gas los und mein Roller verlangsamt sich. Was ist denn hier passiert? Mein Blick wandert weiter die Straße hinauf und fällt auf zwei Männer. Sie tragen ein frisch geschlachtetes Schwein davon. Geschlachtet wird hier also wohl auf der Straße – dann hat man die Sauerei wenigstens nicht im Haus.

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Als wir am Tempel Pura Pasar in einer Höhe von 1500 Metern auf dem Vulkan ankommen, merken wir gleich am leeren Parkplatz, dass hier nicht viel los sein wird. Einzig ein paar Indonesier an einer kioskähnlichen Hütte sind vor Ort. Einer von ihnen gibt sich als Ranger aus und nach ein paar Minuten Geplänkel bietet er uns – wie sollte es auch anders sein – Sarongs zum Mieten an. Aber inzwischen sind wir ja erfahren – die Tücher, die man sich aus Respekt vor dem Tempel um die Hüften schnürt, gibt es ja meistens beim Eingang vom Tempel. Es stellt sich heraus, dass das bei diesem Tempel nicht der Fall ist und wir uns das Stück Stoff tatsächlich zu dem total überteuerten Preis mieten müssen.  Der Tempel an sich ist kein besonderer, nur die Lage und die Umgebung machen ihn zu einem mystisch angehauchten Ort. Bergauf sieht man den Vulkan, an dem sich die Wolken entlangschmiegen, bergab hat man einen spektakulären Blick auf die Weiten der Insel.

Eine Stunde später auf dem Rückweg nach Amed kommen wir wieder an der Stelle der Schlachtung vorbei. Das Blut ist einer leicht rotgefärbten Pfütze Wassers gewichen und ca. 12 Männer stehen in ihren traditionell balinesischen Kleidern um ein Spanferkel, das über einem Gluthaufen von Kokosnussschalen braun dahinbrutzelt. Ich rufe Paul während des Fahrens zu, dass ich anhalten möchte, doch er möchte weiter. Egal, ich halte an und gehe auf die Indonesier zu. Offen wie immer grinsen sie mich an und präsentieren stolz ihre Grilltechnik. Glücklicherweise konnte einer von ihnen recht gut Englisch und erklärt mir, dass sie das Schwein für eine Hochzeit geschlachtet hätten und dass Kokosnussschalen perfekt fürs Grillen seien, weil sie lange die Hitze halten. Einen neckischen Hinweis kann er sich nicht verkneifen, als ich erzähle, dass ich gesehen habe, dass die Straße voller Blut war: „Ja, so sieht das aus, wenn wir Fleisch essen möchten. Nicht so wie bei euch, Mikrowelle auf, Fleisch rein, fertig!“ Lachend klopft er mir auf meine Schulter und lädt mich dazu ein, mit ihm und seinen Freunden Palmenschnaps zu trinken. Aber leider muss ich weiter, Paul wartet schon. Noch eben ein paar Fotos gemacht, ein paar Hände geschüttelt und ich düse wieder davon.

Der Geruch des knusprig braunen Spanferkels liegt seitdem in meiner Nase und will einfach nicht aus meinen Kopf weichen und so halten Paul und ich am nächsten Warung (quasi ein Imbiss), das von einem großen Schild „Babi Guling“ (dt. Spanferkel) gesäumt ist, an. Die nette Besitzerin der kleinen Hütten begrüßt uns, bringt uns Wasser und verschwindet in ihrer kleinen Küche. Da diese keine Tür hat, kann ich sehen, wie die Besitzerin gleich anfängt zu kochen! Verdutzt gucken wir uns um. Wir sind die einzigen Gäste. Auf die Frage, ob wir die Karte bekommen könnten, antwortet sie leicht verschüchtert, dass es keine Karte gäbe – das einzige Gericht sei Spanferkel. „Perfect!“, grinsen wir sie an, genau das, was wir wollten! Fröhlich verschwindet sie wieder hinter ihren Töpfen.

Eine viertel Stunde später steht ein großer Teller Spanferkel in verschieden marinierten Variationen vor unseren hungrigen Bäuchen. Ich fange mit dem grünmarinierten an und sofort schießen mir Tränen in die Augen! Ein Höllenfeuer hat sich auf meiner Zunge breitgemacht! Und das rotmarinierte ist genauso scharf! Die Indonesierin macht große Augen: „Oh, Entschuldigung! Meine amerikanische Freundin  mag die Schärfe so gerne! Ich esse es noch viel schärfer!“ Als wir ihr signalisieren, dass wir das schon irgendwie aushalten werden, schwingt ihre Sorge um in lautes Lachen, mit dem sie nicht mehr aufhören kann. Gestärkt durch diese Heiterkeit fällt es uns auch gleich viel leichter das Fleisch zu genießen – zumindest wenn wir jeden Happen mit zwei Schlücken Wasser mischen und das Fleisch vorher von den Chillimassen befreien. Als wir den Laden verlassen, weiß ich nicht so recht, warum ich glücklich bin. Weil ich es geschafft habe, aufzuessen? Weil die Besitzerin so fröhlich war? Wahrscheinlich war es einfach der gesamte Tag.

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10 Highlights Indonesien

Beim Rucksackpacken fällt mir auf, dass ich meine Mütze verloren habe. Das ist schon die zweite in diesem Urlaub. Scheiße. Ich muss besser auf meine Sachen aufpassen! Ich hieve meineRucksack auf meine Schultern und zerstöre dabei meinen linken Flipflop. Hängengeblieben. Riemen gerissen. Verdammt! Was für ein Scheißtag! Wenigstens habe ich in weiser Voraussicht, dass es in Indonesien garantiert nicht meine Schuhgröße gibt, ein zweites Paar mitgenommen. Glücklicherweise ist mein Unglückskonto für den Tag ab diesem Moment schon ausgeschöpft und das Pech bleibt für unbestimmte Zeit fern. Ich habe in Gesprächen mit anderen Backpackern, die lange unterwegs sind, immer wieder die gleiche Erfahrung gehört: Irgendwann kommt ein Motivationstief, bei dem man einfach nur nach Hause möchte. Da heißt es: Entspannen, einfach mal nichts tun und keine neuen Eindrücke sammeln.

Weil Amed so eine abgelegene Gegend ist, sind wir auf eine Taxifahrt angewiesen, die uns von hier weg schafft. Wir möchten nach Kuta fahren, das Palma de Mallorca Balis. Westliches Essen und ein westlicher Standard, das ist das, was mich jetzt wieder glücklich machen kann. Urlaub von allem Asisatischen. Wir checken in ein wunderbares Hotel ein, das zwar mit 12€ p.Precht teuer ist, aber ein paar komfortable Extras bietet: Frühstück, das nicht nur aus Banana Pancakes besteht, ein Pool, eine Klimaanlage, Internet! Meine Stimmung steigt wieder auf ein normales Level. Wesentlich Schuld daran ist auch ein ausführliches Skypetelefonat mit meiner Freundin, die mich wieder aufbaut, mir bewusst macht, in welch wunderbarer Situation ich überhaupt stecke. Ruhig angehen lassen, auch mal einen oder zwei Tage lang was verpassen, die Batterien wieder aufladen. Man kann nicht jeden Tag sein Gehirn mit Reizen fluten, egal wie positiv diese auch sein mögen. Ich mache es mir also den Rest des Tages mit einem Buch in der Hand und dem Popo auf der Poolliege bequem, springe zwischendurch ins Wasser und entspanne ausführlich.

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Im Laufe des nächsten Tages gucke ich mir die Stadt an und nutze überschwänglich den westlichen Standard aus. Genau das, was man erwartet: Fastfood-Läden, Surfershops und Läden der großen Marken, wenn auch meist offenkundig gefälscht. Als ich gerade meinen Bauch mit unglaublich günstigem Oreo-Eis von McDonalds vollstopfe, fällt mir ein kleiner Laden auf, mit gefälschten Uhren. Die Neugierde treibt mich herein und vor meinen Augen tuen sich Regale von Fälschungen auf, die nach näherer Betrachtung wirklich sehr gut gemacht sind. Sogar Automatikuhrwerke sind in die Uhren verbaut, in die sie reingehören! Und da entdecke ich sie: Die Tag Heuer Carrera Mikrotimer Flying 1000. Oder eher eine Fälschung davon. Meine absolute Traumuhr. Eine mechanische Uhr, die auf 1/1000 Sekunden genau stoppen kann! 3,6 Millionen Schläge pro Stunde! Echter Preis: 65.000€. Unechter Preis: 40€. Aber hier, vor meinen Augen, eben doch nur eine Fälschung. Es ist unglaublich, wie viel die Leute hier kaufen. Keiner verlässt den Laden mit nur einer Uhr – mindestens zwei, eher drei werden in die großen Plastikbeutel gestopft. Genauso werden die Fälschungen aus den „Ralph-Lauren“-Läden in Massen herausgetragen. Gerade der australische Zoll (die Australier sind hier klar in der Überzahl) ist doch bekannt für seine scharfen Kontrollen. Naja, vielleicht existieren da auch keine Strafen auf das Schmuggeln von Fälschungen. In Deutschland könnte es allerdings ziemlich Ärger geben.

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Weiter treibt es mich durch die Straßen, deren westliches Erscheinungsbild immer wieder mit indonesische Finessen gespickt ist: An der einen Ecke versteckt sich eine Flaschen-„Tankstelle“, an der anderen ein Reisladen und die dritte dekoriert gerade eine buckelige Schrumpeloma mit Blüten und Räucherstäbchen. Bevor ich allerdings wieder mein Vorhaben, es ein bisschen ruhiger angehen zu lassen, vernachlässige, mach ich mich auf den Rückweg ins Hotel. Die Poolliege wartet, aber vorher muss noch das gestern fertiggelesene Buch ersetzt werden. Dank Google Maps finde ich tatsächlich einen Buchladen, der sehr viele englische Bücher hat. Als ich mich umschaue, spricht mich sogleich ein junger, vielleicht 14-jähriger Indonesier an, ob er mir helfen könne. Ohne auf eine Antwort zu warten, erzählt er mir von seinen Lieblingsbüchern und wir unterhalten uns mindestens 20 Minuten über Alles, was man in der Zeit abklappern kann. Ich liebe die Offenheit der Menschen. Netter Kerl. Positiv von dieser Begegnung gestimmt, freue ich mich auch, als mich auf der Straße ein etwas älterer Indonerier, so etwa in meinem Alter, anspricht: „Hey Mann, wie geht’s? Willst du Pilze kaufen?“. Von meiner Naivität überrascht, winke ich mit einem Lächeln ab: „Nein, danke!“. „Woher kommst du, man?“. „Aus Deutschland.“ „Ahhh, keine Drogen! ChampinonsChampinons!“.

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In Kuta ist es abends ein Muss, den Sonnenuntergang am Strand zu beobachten. Es stehen tausende Menschen mit ihren nackten Füßen im Sand und gaffen gen Horizont. Ich bin einer von ihnen. Obwohl wir hier im Touristenepizentrum sind, spricht mich doch eine Gruppe einheimischer Jungs an, ob sie ein Foto mit mir machen können. Anschließend spricht mich schon wieder ein indonesischer Typ in meinem Alter an. Wir unterhalten uns eine halbe Stunde über Gott und die Welt. Er sei Touristenführer auf Java und mache genauso wie ich hier Urlaub. Auch die Indonesier lieben Kuta, weil es so westlich ist und sich so „fern“ anfühlt. Schließlich gibt er mir noch einen Tipp, auf den ich den ganzen Abend achten werde: „Hier gibt es Geckos, die „Tokkä“ rufen. Wenn du sie siebenmal hintereinander rufen hörst, wirst du Glück haben“. Ich setze mich also abends „in“ unser Badezimmer (eher: Badeterrasse) und lausche den Geräuschen. Bis ich müde genug bin um ins Bettchen zu fallen – natürlich entspannt und gut zufrieden.

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10 Highlights Indonesien

Ich halte einen kleinen Papierschnipsel vor meine Augen und checke, ob ich alles in meinen schwarz-roten Rucksack gepackt habe. Der Rezeptionist hat mir mit krakeliger Schrift aufgeschrieben, was ich unbedingt mitnehmen sollte, um die zwei Tage im Dschungel zu überstehen: Badehose, Wechselsachen, min. 1 Liter Wasser, Tuch, Flip Flops, Mückenspray. Check. Vorsichtshalber habe ich mir gleich 1,5 Liter Wasser eingepackt – ich sehe es schon kommen, dass ich hier in der Regenzeit sonst verdurste. Voller Vorfreude gehe ich die feuchte Holztreppe herunter und treffe die anderen, die sich mit mir in das Abenteuer stürzen wollen. Ich freue mich sehr: Eine Deutsche, eine Schwedin und ein Australier – und alle in meinem Alter! Nach ein bisschen Smalltalk guckt ein zotteliger Schopf um die Ecke: Jaka, ebenfalls in unserem Alter, sieht aus, als sei er der wahre Mogli. Kurz wundere ich mich, dass er aufrecht auf uns zuläuft und uns nicht laust. Sein Compagnon Berry, der uns auch begleiten wird, sieht aus wie eine Miniaturversion von Jaka – Moglis kleiner Bruder quasi. Ich grinse über beide Ohren: Die Truppe ist fantastisch – wir verstehen uns von Anfang an!

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Nachdem wir den rauschenden Fluss des Dorfes überquert haben und ein paar bis zum Rand des Urwalds führende Stufen hochgestiegen sind, läuft mir der Schweiß schon wieder wortwörtlich den Rücken herunter. Oh man, das wird eine anstrengende Partie!

Schon nach wenigen Metern hält Jaka an einem Gummibaum an und erklärt uns, wie man sie anschneiden muss, um möglichst viel Kautschuk ernten zu können. Eine hohe Kunst sei das und außerdem noch Haupteinnahmequelle von vielen älteren Leuten in Bukit Lawang. Ein paar Meter weiter machen wir an einem weiteren unscheinbaren Baum Halt, an dessen Rinde wir knabbern dürfen. Sofort ruft die Schwedin fröhlich: „Zimt! Lecker!“. Die rasch nachwachsende Rinde wird geerntet und getrocknet, wodurch sie sich zu den uns bekannten Zimtstangen zusammenkräuselt. Gleich daneben steht ein Baum, von dem unser Guide ein paar Blätter abrupft: „Probiert das. Welches Gewürz ist das?“. Ich zerrupfe das Blatt und stecke es in meinen Mund. In dem Moment, in dem es meine Zunge berührt, kann Berry sein Lachen nicht mehr unterdrücken und prustet los. Eine ekelhaft bittere Geschmackswolke füllt meine ganze Mundhöhle und kriecht bis in die letzten Ecken hinter meinen Zähnen. Bah! „Das benutzen wir als Malariamedikament und Tonic Water wird daraus auch hergestellt.“

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Wir kämpfen uns weiter durch den Dschungel, durch scheinbar undurchdringbare Lianenwände, über Bäche und vorbei an riesigen Bäumen und bunten Pflanzen. Immer wieder reißen Jaka oder Berry ihren Arm hoch und bringen uns alle mit einem „Scccchhhhh!“ zum Schweigen. Sofort kommt alles zur Ruhe. Gespannt horchen wir in den Wald hinein. Nach ein paar Sekunden des Nichtshörens gucken wir uns mit ratlosen Gesichtern an und einer unserer Guides verschwindet im Dickicht, um die Umgebung zu erkunden. „Hier entlang!“, flüstert kurze Zeit später ein fröhlicher Kopf aus einem Busch. So geht es immer wieder und immer wieder haben sie Erfolg: Wir bekommen wirklich viele Affen zu sehen, die entweder ruhig im Baum sitzen oder von Ast zu Ast springen. Insgesamt werden wir am Ende der Expedition sechs verschiedene Arten gesehen haben!

Schließlich kommt das Highlight, auf das wir alle gewartet haben: Orang-Utans.

Orang-Utans bauen jeden Tag ein neues Nest und schlafen somit jede Nacht an einem anderen Ort, weswegen sie nicht allzu einfach zu finden sind. Außerdem legen sie die Nester hoch oben in den Bäumen an, um sich vor natürlichen Feinden zu schützen. Mein Blick folgt Jakas Fingerzeig (mit ziemlich langem Fingernagel): Da sitzt ein dickes Orang-Utan-Männchen (wobei die Verniedlichung hier wirklich nicht zutreffend ist) und guckt uns mit seinem dunklen Gesicht genauso verdutzt an, wie wir ihn. Langsam bewegt er sich über die dicken Äste und schwingt sich grazil ein paar Etagen tiefer – immer uns Menschen im Blick – und dann sitzt er wieder da und beobachtet neugierig. Ich bin fasziniert von der Schönheit des Tieres: Dieses saubere orange Fell, die feinmotorischen langen schwarzen Finger, das dem Menschen so ähnliche Gesicht. Schon tausende Male auf irgendwelchen Bildern gesehen, ist es so etwas anderes, einem Orang-Utan in Realität in die Augen zu schauen. Unweigerlich kommt einem der Gedanke: Wie viel Mensch steckt in so einem Tier? Als wüsste Jaka, was wir denken, flüstert er: „Wir Indonesier sind davon überzeugt, dass die Orang-Utans früher sprechen konnten. ‚Orang-Utan‘ heißt übersetzt ‚Waldmensch‘. Als sie von Menschen entdeckt wurden, haben sie beschlossen mit dem Reden aufzuhören, damit sie nicht versklavt werden. Irgendwann haben sie es dann komplett verlernt.“ Auf jeden Fall fühle ich mich der Menschlichkeit wegen sofort mit ihnen verbunden und dieses Gefühl bestätigen mir auch die anderen. Jaka deutet 15 Meter entfernt auf einen anderen Baum, in dem es raschelt – und siehe da: Eine Orang-Utan-Mutter, an dessen Bauch sich ein kleines krusseliges Baby krallt. Pure Freude, so etwas sehen zu dürfen! Wir bleiben noch fünf Minuten in dieser Idylle unter uns, dann kommt auf einmal eine Truppe von 15 lauten Touristen stampfend immer näher. Ohne Respekt vor der Natur und dem natürlichen Lebensraum versuchen sie die Tiere mit Pfiffen und Früchten anzulocken! Selbst deren Guides schwenken frohlockend mit Bananen. Auch die Bitte etwas ruhiger zu sein, bringt überhaupt nichts. Jaka und Berry sind davon schnell so sehr genervt, dass sie uns bitten weiterzugehen, wir werden bestimmt noch weitere Orang-Utans finden. „Diese Guides machen alles dafür, dass die Touristen zufrieden sind. Das ist ja auch gut so, aber nur so lange wir den Dschungel respektieren. Wir sind zwar mit ihm aufgewachsen, aber wir sind immer noch nur Gast. Der Dschungel gibt uns Alles: Nahrung, Medizin, lustige Pflanzen. Und Touristen. Wenn wir uns so respektlos verhalten wie die Leute und Guides gerade, werden die Tiere sich verstecken und wir werden sie nur noch schwer finden. Und was haben wir dann den Touristen noch zu bieten? Einen Urwald ohne Tiere: Das möchte niemand sehen!“. Ich bin glücklich, dass mein Hotel der Nachhaltigkeit einen so hohen Stellenwert einräumt und nur Guides engagiert, die diese Denkweise teilen.

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Auf unserem weiteren Weg sehen wir noch mehrere riesige Schmetterlinge, zwei Nashornvögel, Riesenameisen und Schildkröten (die hätte ich im Regenwald tatsächlich mal so überhaupt nicht erwartet). Während unserer Pausen essen wir Dschungelfrüchte, die wir aber zugegebenermaßen nicht gefunden haben, sondern von unseren Guides mitgebracht wurden. Selbst in die Ananas, ein Obst, das ich sonst verabscheue, habe ich mich mit Genuss verliebt (wenn auch nur temporär für zwei Tage)! So eine saftige Angelegenheit! Meine Zähne dringen in die faserige Masse ein, lösen den süßen Saft aus den Fängen der monatelangen gereiften Frucht! Ooooohhhhh jaaaa! Welch‘ eine Wohltat bei so einem mühsamen Weg durch das leuchtend grüne Dickicht. Sie gibt mir neue Kraft für die Wanderung, die inzwischen alles von mir abverlangt: Es geht Berg auf und Berg ab. Berg auf und Berg ab. Auf allen Vieren hieven wir unsere müden, schwitzenden Körper den Berg herauf, auf dem dreckigen Popo rutschend wieder herab. Die Tiervielfalt und die Pausen, in der Jaka und Berry Palmenblätterkronen für uns bauen und vielerlei witzige Albereien machen, halten uns bei Laune und es gibt nur einen Weg: Vorwärts – Wir wollen mehr sehen!

Wie wir später erfahren sollen, hat Jaka den härtesten Weg zum Nachtcamp für uns gewählt: Nicht über die abgetrampelten Pfade, sondern mitten durch den dicht wuchernden Dschungel. Der letzte Abstieg, der zum Camp führt, ist der schlimmste. Mein Wasser ist schon seit einer Stunde aufgebraucht, meine Beine schwach und mein Kopf glühend heiß. So sehr habe ich noch nie geschwitzt – meine Klamotten sind von Schweiß, Luftfeuchtigkeit und Dreck durchtränkt. Als wir auf dem Berg stehen, nimmt Berry mir meinen Rucksack ab und deutet auf eine Stelle am Fluss, an der Rauch aufsteigt: „Da ist unser Nachtcamp. Nur noch dieser Abstieg und du hast es geschafft.“. „Nur noch“ ist dabei etwas übertrieben. Meine Füße können mich kaum noch tragen. Ich bin total erschöpft. Da ich der letzte der Truppe bin, sehe ich, dass es den anderen nicht besser ergeht. An Pflanzen klammernd, immer wieder ausrutschend, auf dem Hosenboden schlitternd, kraxeln sie vor mir die letzten hundert Meter hinab. Als wir unten ankommen, sitzen wir einfach nur keuchend auf dem Boden. „In fünfzig Metern ist der Fluss! Es wird euch gut tun!“. Wie in Trance stemme ich meinen dreckigen Körper hoch und schleppe ihn zum Ufer. Ich merke, wie ich mir einfach die nassen Klamotten vom Körper ziehe und langsam ins kalte Wasser eintauche. Wir genießen es, uns abzukühlen. Kein Reden. Einfach nur dahintreiben.

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Langsam fangen wir erst an leere Blicke auszutauschen, schließlich wieder zu reden. „Wow, war das anstrengend!“. „Wow, war das geil!“. Ein Gemisch von totalem Glück und totaler Erschöpfung.

Wasser, vier verschiedene indonesische Gerichte, allerlei Früchte! Was für ein Festmahl die Jungs für uns gezaubert haben, ist unglaublich. Vom Bad im Fluss etwas erfrischt sitzen wir zusammen auf dem mit Blättern ausgelegten Boden und erfreuen uns an dem unglaublich guten Essen. Der Hammer! Anschließend lassen wir uns von der unerschöpflichen Energie unserer Guides dazu überzeugen, unsagbar alberne, aber sehr lustige Spiele zu spielen. Unsere Guides lachen sich dabei so schrott, dass wir einfach nur mitlachen müssen. Zum Beispiel mussten wir uns hinknien und die Fäuste auf den Boden stämmen, als wären wir Orang-Utans, dabei so tun als hätten wir keine Zähne und uns Namen von Früchten zurufen. Sehr sehr sinnlos und über alle Maße albern – ich werde noch in Jahren grinsen, wenn ich an diesen Moment zurückdenke.

Nach so einem Tag war das Einschlafen sogar um 9 Uhr abends auf einer einfachen Isomatte unter einer  simplen Plastikplane mitten im Dschungel auch kein Problem mehr.


Am nächsten Morgen werden wir von Affenschreien aus dem Schlaf gerissen. Am gegenüberliegenden Ufer tanzt eine Horde von 50 bis 60 Affen umher. Der Australier rappelt sich als erster auf, um einen besseren Blick zu haben, geht drei Meter und schreit plötzlich: „Oh Fuck! Ein Skorpion!“ Neugierig nähere ich mich dem kleinen Biest: „Ach, komm. Das ist doch nur ein klitzekleiner!“ Aber da habe ich wohl die Rechnung ohne den australischen Outbackwirt gemacht: „Ja, gerade die kleinen sind die schlimmen! Es könnte sein, dass der dich mit einem Stich ins Krankenhaus bringt!“ Wagemutig und mit gelassener Routine nimmt Jaka die Ausgeburt der Hölle in einem kleinen Behälter auf und bringt ihn weit weg.

Und schon wieder: „Aaaahhh! Ein Waran!“. Tatsächlich: Am Rand des Camps, halb im Gebüsch versteckt, liegt ein 1,50 Meter langer Waran. Ich greife sofort zu meiner Kamera, schleiche mich heran und: Er rennt in das tiefe Dickicht! Neeeein! Bleib hier! Nur ein Bild!

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Zu unserer aller Erleichterung verkünden unsere Guides, dass wir heute nicht weiter wandern werden, sondern den Tag im und am Fluss verbringen. Zwischendurch besuchen wir noch einen kleinen Wasserfall, trinken Tee mit Gewürzen aus dem Urwald und essen ein weiteres Mal wunderbare Gerichte der indonesischen Küche. Schließlich fahren wir auf großen Reifenschläuchen den Fluss herunter bis zum Dorf. Improvisiertes Wildwater-Rafting – ein wunderbarer Abschluss eines unglaublichen Abenteuers!

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10 Highlights Indonesien

Nach dem Dschungel-Trekking konnte ich einen Tag lang gar nichts, aber auch rein gar nichts machen, da meine Beine die gleiche Konsistenz wie zu lange gekochte Spaghetti hatten. Heute jagt schon wieder ein  Abenteuer das nächste. Pünktlich um 11.00 Uhr wartet mein „Taxifahrer“ Anto vor dem Hotel auf mich. Das drahtige Kerlchen sitzt auf seinem kleinen Mopped und grinst mich an, als wollte er mir sagen: „Junge, das wird richtig geil heute!“. Er fährt mich nämlich Richtung Norden zu einer Rangerstation mit Elefanten! Die andere Seite der Medaille ist, dass die Fahrt 2,5 Stunden dauern wird. Als Beifahrer. Auf einem Mopped, das für kleine drahtige Antos gebaut wurde.

Naja, nicht lang gezögert und rauf auf die Plastikbank – los geht’s! Auf solch schlechten Straßen bin ich lange nicht mehr gefahren, aber es macht trotzdem Spaß durch ländliche Holzhüttendörfer und vorbei an atemberaubenden Aussichten zu knattern. Bei unserem Anblick lachen die Dorfbewohner sich ständig kaputt – es muss wohl ziemlich lustig aussehen, wie ein Weißer als Beifahrer mit hochgezogenen Knien auf einem viel zu kleinen Motorrad sitzt und den indonesischen Fahrer um Kopfeslänge überragt, um fröhlich über dessen Kopf hinweg dem Fahrtziel entgegen zu blicken. Aufgrund der schlechten Polsterung und der holprigen Straßen fing allerdings mein Popöchen recht schnell an zu schmerzen – aber es sind ja nur noch 1,5 Stunden. Knack! Neeeeeiiiiinnnn! Meine rechte Fußstütze knickt ab und ich muss mein von der Dschungelwanderung noch ganz schweres Bein mit aller Mühe hochhalten. Anto hält glücklicherweise recht schnell an einer „Werkstatt“, die für mich eher aussieht wie eine normale Hütte. Die Fußstütze ist schnell provisorisch repariert und es kann weiter gehen. Das Problem: Nach einer weiteren halben Stunde knickt sie wieder weg und es gibt weit und breit keine Möglichkeit der Reparatur! Ich bringe mich in eine Haltung, in der ich meinen Schuh nicht am Auspuff aufschmelze, mein Popo die Harten Schläge der Schlaglöcher möglichst gut absorbiert und verharre in dieser Pose mit starrem Blick auf die schöne Landschaft.

Endlich erreichen wir unser Ziel: Eine Ansammlung großer Hütten, vor der die grauen Dickhäuter gemütlich auf der Wiese grasen! Voller Vorfreude schaue ich auf meine Uhr und stelle enttäuscht fest: Es dauert noch zwei Stunden, bis die Elefantenwaschung anfängt. Also setzen Anto und ich uns ins nahegelegene Restaurant und essen ein nicht so gutes Curry. Aber die prächtige Unterhaltung mit ihm macht alles wett! Er erzählt viele Geschichten aus dem Dschungel, über sein Leben und wie er ein einziges Mal in seinem Leben den seltenen und scheuen Sumatratiger gesehen hat. „Irgendwann tausche ich meine Schweine gegen ein Pferd. Dann bin ich der King in Bukit Lawang! Frauen stehen auf Pferde! Hahahaha!“ – ich liebe es: Dem Deutschen der Porsche ist dem Bukit Lawanger das Pferd! So unterschiedlich können Statussymbole sein! Außerdem war er äußerst neugierig, wie das Leben in Deutschland ist. Völlig verblüfft guckt er mich an, als ich erzähle, wie und in welchen Massen die Nutztiere in Deutschland gehalten werden: „So viele? Ich halte sechs Schweine und das ist schon viel! Wer kann das denn alles essen? Oder haltet ihr die Schweine auch als Haustiere?“. Als ich ihm dann erzähle, dass die Bauern sogar Geld vom Staat bekommen, weil sie sonst nicht überleben könnten, versteht Anto die Welt nicht mehr.

Als unser Curry (habe ich schon erwähnt, dass es das enttäuschenste Curry auf meiner Reise war?) aufgegessen ist, gehen wir zum großen, flachen Fluss am Rande des Dschungels und beobachten, wie ein paar Ranger auf Elefanten sitzend in den Dschungel reiten. „Sie hüten den Dschungel und vertreiben Wilderer. Jeden Tag gehen sie auf Patrouille.“, informiert mich Anto. Als ich versuche, mich in der typisch-asiatischen Weise neben ihn an das Ufer zu hocken, fällt er vor Lachen rückwärts über. Während die Asiaten ohne Probleme die Fußsohlen auf dem Boden lassen und sich dabei mit dem Popo auf die Hacken setzen, falle ich bei dem Versuch rückwärts um. Anto kriegt sich bei dem Anblick nicht mehr ein: „Wie hockst du dich denn beim Scheißen hin? Fällst du dann ins Klo? Ach nee, ihr habt ja diese komischen Schüsseln!“.

Als wir sehen, wie einige Ranger die Elefanten von der Wiese zum Fluss reiten, springt Anto auf: „Komm, es geht los!“. Da die Regen- und somit die Nebensaison bereits begonnen hat, sind nicht viele Besucher gekommen, weshalb jedes Grüppchen einen Elefanten zugeteilt bekommt. Und weil ich eine Einergruppe bin, habe ich ein privates Rendezvous mit einer 43-jährigen Elefantendame. Ich darf sie schrubben (was natürlich überhaupt nichts bringt), ihre dicke raue Haut anfassen und mich von ihr duschen und küssen lassen. So ein gewaltiges Tier – am Anfang habe ich noch viel Respekt, aber genauso schnell baut man Vertrauen zu diesen sanften Riesen auf. Irgendwie komisch. Natürlich habe ich während der ganzen Zeit eines im Hinterkopf: „Ein Elefant vergisst nie. Und er verzeiht nie.“ Es ist echt richtig cool und macht richtig Spaß. Die quälende Fahrt hier her hat sich absolut gelohnt.

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Und dann war es soweit: die Rückfahrt beginnt.

Anto hat während der Elefantenschrubberei die Fußstütze mit einem gefundenen rostigen Nagel „repariert“ (also irgendwie festgeklemmt) und wir konnten losfahren. Nach zehn Minuten fängt es an zu regnen. Nach 20 Minuten fängt es an zu schütten. Der Regenwaldregen platscht mit vollem Karacho auf uns hinunter – innerhalb von Sekunden sind unsere Klamotten plitschenass. Allifalli, klatschen die dicken Regentropfen gegen meine Brillengläser. Immer und immer wieder peitschen wir durch überflutete Straßen und vorbei an sich langsam voranquälenden Jeeps. Aber Anto hat sichtlich Spaß und dieser überträgt sich glücklicherweise auch auf mich: Wenn unsere Lage schon scheiße ist, können wir wenigstens Spaß dabei haben! Sofort sehe ich die Situation in einem anderen Licht: Mit einem großen Lachen jagen wir durch Pfützen, freuen uns, dass wir gut vorankommen und lachen die langsamen Autos aus. Ich bin glücklich – Antos Verrücktheit sei Dank!

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Und dann höre ich es: Gewitter.

Eine viertel Stunde vor unserem Ziel hört der Spaß auf – das lachende Strahlen in unseren Gesichtern weicht einem sorgenvollen Blick gen Himmel. Ein monströses Gewitter ist immer weiter in unsere Richtung gezogen, legt die Landschaft in einen dunkelgrauen Schleier. Inzwischen jagen Blitze durch die dicken grauen Wolken und erhellen den Himmel für Mikrosekunden. Direkt über unseren Köpfen. Ich merke, wie Anto mehr Gas gibt und sich auf die Straße konzentriert. Ich habe Angst. Was hat man noch immer gelernt? Während eines Gewitters bloß nicht unter Bäume und auf freie Flächen stellen. Aber der nächste Schutz ist unser Hotel. Also: Weiter! Weiter!

Endlich kommen wir am Hotel in Bukit Lawang an. Wir wurden nicht von Blitzen gegrillt und als wir vom Mopped absteigen und auf die trockene Terrasse treten, muss uns die Erleichterung  ins Gesicht geschrieben sein, denn die zehn Gäste und Mitarbeiter fangen lachend an zu applaudieren. „Wir haben uns schon Sorgen gemacht!“. Sofort werden uns Tücher zugeworfen und Biere in die Hand gedrückt: „Erzählt mal.“ Das ist es, was Bukit Lawang ausmacht: Hier erlebt man ein Abenteuer nach dem anderen. Hier empfangen die Einheimischen einen als wäre man ein alter Freund. Hier sind die Gäste so offen, als würde man sich ewig kennen. Hier kann man die Seele baumeln lassen. Hier fühlt man sich wohl. Mitten im Dschungel.

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Was sind deine Highlights in Indonesien? Hast du Fragen oder Ideen? Schreib’ einfach in die Kommentare!


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