Besteigung des Picos, dem höchsten Vulkan der Azoren

Azoren Pico Besteigung

Die Besteigung des Picos

Unsere Erfahrung zur Nachtwanderung auf den höchsten Berg Portugals

Sie ragen steil in den Himmel, mit schwarzer Asche und scharfem Gestein bedeckt. Sie schlummern vor sich hin und doch kann man so manches Mal durch heiße Quellen oder strengriechende Gasschlote ihre Kraft erahnen. Durch pure Gewalt wurden sie erschaffen, von einigen Kulturen verehrt. Vulkane haben mich in ihren Bann gezogen!

Und so ist es auch kein Wunder, dass meine Freundin und ich während unseres Urlaubs auf den Azoren den höchsten Berg Portugals besteigen möchten. Der Vulkan Pico liegt auf der gleichnamigen Insel – oder eher: Die Insel ist der Pico! Ein einziger Vulkan, der 2351 Meter aus dem Atlantik ragt! Und da wollen wir drauf. Bis zur Spitze! Im ersten Teil dieses Blogs findest du die Geschichte über unsere Besteigung des Picos auf den Azoren, im zweiten Teil findest du Tipps und Wissenswertes für deinen eigenen Aufstieg!

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Azores Pico Besteigung

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Wie wir den Vulkan in der Nacht bezwangen

Es ist 03:00 Uhr morgens. Der Wecker klingelt. Die ersten Zweifel kommen in uns beiden auf: Wollen wir da wirklich nachts hoch? Es ist Neumond! Es ist stockdunkel! Doch abgemacht ist abgemacht. Wir ziehen unsere Wanderschuhe an, packen den letzten Proviant ein und fahren los zur Berghütte, die noch in kompletter Dunkelheit liegt. Unsere Scheinwerfer sind das einzige Licht weit und breit. Uns erwarten scharfe steile Klippen, DüsterheitOrientierungslosigkeit, vollkommene Erschöpfung.

Pico, Azoren: Gespaltene Informationen

Gestern haben wir die Besteigung geplant, im Internet recherchiert: Man solle sich vor dem Aufstieg bei der Berghütte, die auf 1231 Metern liegt, registrieren um einen Notfall-GPS-Tracker zu erhalten und einen Sicherheitsfilm vorgeführt zu bekommen. Man solle eine „gute Fitness“ haben, denn schließlich seien 1120 recht steile Höhenmeter zu überwinden. Der Aufstieg dauere 3 Stunden, der Abstieg ebenfalls.

Also sind wir am Tag vor der Wanderung zur Berghütte gefahren, um uns vor Ort zu informieren. Die Angestellte an der Rezeption hätte weniger Desinteresse nicht signalisieren können:
      „Hallo. Wir möchten auf den Pico wandern und zwar möchten wir um 03.45 Uhr nachts los.“
      „Ja, macht doch.“
      „Wir haben gelesen, dass wir uns registrieren und uns einen Sicherheitsfilm ansehen müssen. Aber die Berghütte hat ja nachts nicht auf.“
      „Ja, wandert man einfach los.“
      „Und was ist mit dem GPS-Sender?“
      „Kann ich euch jetzt nicht geben. Wenn ihr den haben wollt, müsst ihr morgen früh zu den Öffnungszeiten kommen.“
      „Und was ist mit dem Sicherheitsfilm?“
      „Könnt ihr danach angucken.“
      „Und der Registrierung? Man muss doch 10€ Gebühr bezahlen!“
      Sie schiebt uns eine Visitenkarte über den Tresen: „Hier ist eine Handynummer. Schicke einfach eine SMS, wenn ihr losgeht und wann ihr beabsichtigt, wieder anzukommen.“
     „Okay, das ist ja wenigstens etwas. Eine letzte Frage: Wie kommen wir denn auf den Wanderpfad? Man muss ja durch die Berghütte, um auf den Weg zu kommen.“
     Sie guckt mir genervt in die Augen: „Ihr kommt aus Deutschland, oder? Geht doch einfach um die Berghütte herum und klettert über den kleinen Zaun. Fertig. Da in der Ecke stehen Wanderstöcke. Nehmt euch jeder einen mit.“
Was für ein Gespräch! Die Kluft zwischen den Internetinformationen, die eine große Herausforderung vermitteln und der Berghüttenangestellten, die es darstellt als eine Wanderung, die man mal eben so nachts nebenher hinlegt, könnte nicht größer sein. Nach reiflicher Überlegung beschlossen wir unsere Sachen zu packen und die Wanderung anzugehen.

Unsere Nachtwanderung auf den Pico

Heute Morgen kommen wir also an der Berghütte wie geplant um 03.45 Uhr an. Wir möchten zum Sonnenaufgang um 07.45 Uhr am Gipfel sein und ein Puffer von einer Stunde soll zum Frühstück auf dem Kraterrand dienen. Im Lichtkegel meiner Stirnlampe sehe ich, wie meine Freundin über den Zaun klettert. Nach einer kurzen Treppe folgt für 20 Minuten ein angelegter Pfad, ca. alle 50 Meter steht ein Pfahl, der den Weg markiert. Insgesamt müssen wir 45 Pfähle hinter uns bringen. Doch langsam wird der Pfad immer weniger eindeutig und immer steiler! Wir legen die erste Pause ein. Frühstück. Nach nur wenigen Minuten entscheiden wir dann, weiterzuwandern, denn die Kälte des starken Windes kriecht unsere Beine hoch. Inzwischen sind wir an einem Punkt angekommen, da müssen wir teilweise mit allen Vieren das Vulkangestein hochkraxeln. Die Asche rutscht unter unseren Füßen weg. Wir sind glücklich, Wanderstiefel dabei zu haben. Es wird ziemlich anstrengend.

In der völligen Dunkelheit sind die Pfähle unsere einzige Orientierung. Es kommt uns so vor, als gäbe es inzwischen keinen Pfad mehr, wir kämpfen uns mehr oder weniger schnurstracks von Markierung zu Markierung. An einem Pfahl angekommen, suchen wir die Klippen nach dem nächsten ab. Glücklicherweise haben wir eine fokussierbare Taschenlampe dabei, sonst hätten wir keine Chance gehabt. Einige Male suchen wir 5 Minuten, bis wir etwas gelb-rot-glitzerndes zu erahnen meinen. Und so geschieht es auch zwei Mal, dass wir versehentlich einen Pfahl auslassen. Aber weiter geht’s – dem Sonnenaufgang entgegen!

Es ist inzwischen 07.00 Uhr. Wir sollten den Gipfel und somit den 45. Pfahl erreicht haben, aber der Pfahl an dem wir stehen zeigt gerade mal die Zahl 30. Wie sollen wir das bloß schaffen? Wir bräuchten eine Pause, aber der Sonnenaufgang wartet nicht auf uns. Wir legen etwas Tempo zu und schaffen es, zehn Pfähle in einer halben Stunde hinter uns zu lassen. 15 Minuten bis zum Sonnenaufgang. Dank der aufkommenden Helligkeit haben wir sogar den Pfad wiedergefunden und das Licht tut psychisch einfach gut. Inzwischen ist das Gelände wieder flacher geworden – wir müssen irgendwo am Kraterrand sein! Die letzten 300 Meter joggen wir mit letzter Kraft. Die Sonne blitzt über den Horizont. Wir haben es geschafft!

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Wir sitzen einfach nur da und genießen. Die Sonnenstrahlen, die uns langsam erwärmen, die die Wolkendecke unter uns in ein orangenes Lichtmeer verwandeln und den Vulkan zum Glühen bringen. Wir genießen das Gefühl, dass wir es geschafft haben, trotz Düsterheit und scheinbar unüberwindbaren Abschnitten. Wir genießen die absolute Stille, wie wir sie lange nicht mehr erlebt haben. Hier oben ist Nichts und Niemand! Kein Geräusch dringt in unsere Ohren, außer dem leichten Wind, der die Wolken sanft vorantreibt. Wir haben Glück: Während die eine Seite des Picos von Wolken verhangen ist, haben wir zur anderen Seite freie Sicht aufs Meer und auf die anderen Inseln. Wir sitzen einfach nur da und genießen.

Eine unbestimmte Zeit später beschließen wir, den „Hügel“ im Krater des Picos, „Piquinho“ genannt, zu besteigen. Das heißt: Nochmal 90 Höhenmeter überwinden. Dieser Abschnitt ist so steil, dass wir unsere Rucksäcke und Wanderstöcke im Krater liegen lassen und richtig klettern müssen. Aber die Mühe lohnt sich. Ein unglaublicher Ausblick! Diese Kombination aus dem Blick in den Krater, der aussieht als wären wir auf dem Mond mit der dahinterliegenden grünen Landschaft, die im blauen Meer endet! Wow.

 

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Der Abstieg vom Pico

Erst eine dreiviertel Stunde nachdem wir mit dem Abstieg um 10.30 Uhr begonnen haben, kommen uns die ersten Leute entgegen. Es ist ein portugiesischer Wanderführer mit einem sportlichen Engländer im Schlepptau. Freundlich grinst er uns an: „Hey, habt ihr da oben übernachtet, um den Sonnenaufgang zu beobachten?“. Als wir ihm erzählen, wann wir losgewandert sind, bekommt er große Augen: „Crazy Germans!“. Wir verabschieden uns, nicht ahnend, dass wir ihn später noch einmal treffen werden.

Inzwischen kommen uns immer wieder mal Grüppchen entgegen, die wir mit unserer Startzeit zum Staunen bringen. Außerdem freuen wir uns, dass es einen relativ bequemen Pfad gibt, den wir nachts einfach nur nicht erkannt haben. Man muss sich also nicht schnurstracks von Pfahl zu Pfahl kämpfen! Leider ebbt die Euphorie immer weiter ab und die Erschöpfung trifft uns plötzlich wie ein Hammerschlag. Noch 20 Pfähle bis zur Berghütte und jeder Schritt tut weh. Wir sind glücklich, Wanderstöcke dabei zu haben.  Ich merke, wie meine Sohle im Schuh verrutscht, aber ich habe keine Muße und Kraft mehr, sie gerade zu rücken. Vor jeder Lavasteinstufe bleiben wir stehen und bitten den Vulkan, es uns jetzt nicht so schwer zu machen. Wieso muss es bloß so hohe Stufen geben?!

Als wir am letzten, flacheren Abschnitt ankommen, geht der erschöpfte Blick meiner Freundin gen Gipfel: „Guck mal, da oben waren wir vorhin noch!“. Und was erblicken wir da? Das sind doch der Portugiese und der Engländer und sie sind schon wieder auf dem Weg nach unten! Wenn wir uns nicht beeilen, werden sie noch vor uns in der Hütte ankommen! Das können wir nicht zulassen! Die Situation gibt uns Kraft – wir motivieren uns gegenseitig. Und: Wir schaffen es.

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Wir haben die Nachtwanderung auf den Pico überlebt!

Es ist 14.30 Uhr. Nach zehn dreiviertel Stunden bekommen wir eine Urkunde überreicht. Wir haben es geschafft. Total erschöpft, nassgeschwitzt und dreckig lassen wir uns auf eine Bank fallen, befreien uns von unseren Wanderstiefeln und gönnen uns eine Cola. 15 Minuten nach unserer Ankunft kommen auch unsere zwei Verfolger an. Der portugiesische Bergführer kommt zu uns und schenkt uns grinsend eine Postkarte mit dem Pico als Motiv: „Die möchte ich euch schenken. Wer so verrückt ist, im Dunkeln da hoch zu klettern, hat ein Geschenk verdient!”

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Azores Pico Besteigung

Wissenswertes und Tipps zur Besteigung des Picos

Bevor du den Pico besteigst, solltest du dich gut informieren! Wir geben dir hier ein paar grundlegende Informationen, aber ein Gang zur Berghütte solltest du unbedingt tätigen (vielleicht bekommst du ja eine etwas motiviertere Mitarbeiterin ab :)).

Der Pico – der höchste Berg Portugals

Die Spitze des Picos liegt auf 2351 Metern. Er ist das letzte Mal im Jahre 1720 ausgebrochen und ist seitdem inaktiv. Es besteht derzeit auch keine Gefahr einer Eruption.

Die Wanderung

Die Berghütte (siehe Karte unten) liegt auf 1231 Metern und vor ihr gibt es genügend Parkplätze. Du solltest dich registrieren (10€) und du solltest nicht zu spät loswandern, damit du der Mittagssonne entgehst. Des Weiteren sind nur 150 Besucher auf einmal auf dem Pico erlaubt. NOCH ist es kein Problem, erzählte uns der portugiesische Bergführer.

Für die Wanderung soll man eine gute Fitness haben. Ich schätze mich als nicht besonders fit ein und habe es auch geschafft. Uns sind auch Kinder entgegengekommen. Auch haben wir beim Abstieg auch ein Mädchen mit Ballerinas gesehen. Die dürfte aber nicht weit gekommen sein. Die Steine sind sehr scharf – Wanderstiefel sind Pflicht! Alle 50 Meter ist ein Pfahl mit rot-gelber Neonmarkierung aufgestellt. Du solltest dich vorher über das Wetter informieren. Gerade hier im Atlantik kann es sehr sehr schnell umschlagen! Andere Wanderer berichteten, dass sie zeitweise die Pfähle wegen dicken Nebels nicht finden konnten!

Im Internet findet man häufig die Angabe, dass der Aufstieg 2,5 bis 3 Stunden dauern würde. Wir haben 4,5 gebraucht (könnte aber auch an der Dunkelheit gelegen haben). Der Abstieg dauert weitere 3 Stunden. Wir waren insgesamt inklusive Pausen 10 Stunden 45 Minuten unterwegs! Wir haben aber auch relativ lange auf dem Krater selbst verbracht.

Ausrüstung

Der Wind pfiff uns um die Ohren, uns war saumäßig kalt, die Sonne hat uns zu schaffen gemacht. Pico liegt mitten im atlantischen Ozean, das Wetter ist unberechenbar. Oft gelesen und immer wieder bewährt: Der Zwiebellook. Du wirst ihn lieben! Wanderstiefel müssen unbedingt an die Füße! Wir hätten uns nicht nur unsere Knöchel aufgerissen, sondern auch gebrochen. Gerade wenn man müde und unaufmerksamer wird, muss man sich auf die Stabilisierung der Stiefel verlassen können.

  • geeignete Kleidung (Zwiebellook!)
  • Sonnencreme
  • Sonnenbrille, Hut
  • Genügend zu Essen
  • Kamera
  • Handy (zur Navigation zur Berghütte und während des Aufstiegs)
  • 2,5 Liter Wasser pro Person
  • Wanderstock (welche aus Bambus gibt es bei der Berghütte)
  • Glück für gutes Wetter

Viel Spaß beim Erklimmen des höchsten Bergs Portugals!.

 



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Mehr Azoren?

Eine dreiwöchige Reiseroute findest du in diesem Blogeintrag!
Was du auf Pico und Sao Jorge erleben kannst, wirst du im nächsten Blogeintrag erfahren. Stay tuned auf Facebook!

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2 Comments. Leave new

WOW! Was für Bilder! Atemberaubend! Vielen Dank für diesen schönen Ausblick, den ich ohne eure Bilder nie gesehen hätte – ich traue mich nicht auf eine solche “Wanderung” und wenn doch, bin ich unten im Tal dann im Wachkoma 😉
Der Unterschied zwischen der deutschen Sicherheitsmentalität und der portugiesischen Gelassenheit fand ich schon sehr lustig *hehe*
Beste Grüße
Maria

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myTravelMates
Juni 12, 2016 1:26 pm

Freut uns sehr!
Ja, im Nachhinein mussten wir auch sehr über unsere deutsche Korrektheit lachen. Ganz nach dem Motto: Da gibt es eine offizielle Tür und da müssen wir durch!

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